4.) Arche Noah!

11 Aug

Unser neues Leben am Ende der Welt – 10. November 1999

Unser kleines Cottage-Haus kommt mir  vor wie ein alter Kahn, der durch die Sintflut schippert.  Die Arche Noah waere jetzt praktisch, allerdings muesste sie nicht nur von aussen sondern auch von innen wasserdicht sein. Draussen regnet es in Stroemen und es scheint, als ginge die Welt nun tatsaechlich unter. Man muesste den letzten Dinosauerier aus der Garage ins Boot retten, um  wenigstens eine  sinnvolle Tierart (neben Kakalacken,  Stechmuecken und der gemeinen Hausfliege) vor der Ausrottung  zu retten.  Das Wasser im Haus kommt allerdings von Henry, der zur Zeit so viel  sabbert, dass meine naechste Investition aus Taucherbrille und Schnorchel besteht. Ich hoffe sehr, dass er das vor seinem 18. Geburtstag aufgibt, sonst kriegt er nie eine Freundin. Welches Maedel moechte schon einen Freund, dem staendig das Wasser im Munde zusammenlaeuft und noch aus dem Mund raustropft und manchmal sogar noch Faeden zieht. Gefaehrlich wird es dann, wenn er dabei ploetzlich noch niessen muss und sich sein Sabber explosionsartig im ganzen Zimmer und meinem Gesicht  verteilt. Das ist ja gar nichts fuer meinen Bakterien-Phobie gequaelten Plumbing-Mann. Hier ist nichts vor Feuchtigkeit sicher und das Schreibpapier im Drucker hat sich schon gewellt.

Henry hat gerade sein letztes Flaeschchen fuer heute getrunken und nun jammert er schon wieder, weil er auf dem Sofa liegen soll. Er will lieber im Sitzen Fernseh schauen.  Der staendige Regen geht im vermutlich auch auf die Nerven und wir konnten heute weder Treibholz am Strand suchen, noch irgendwelche anderen Entdeckungsreisen vornehmen.  Seit ein paar Tagen versuche ich, Henry an feste Nahrung zu gewoehnen. Er sitzt dann aufrecht im Kinderwagen und ich schiebe ihm vorsichtig einen Plastikloeffel mit Baby-Apfelmus in den Mund. Im ersten Moment dachte er sicher an seine Bauchwehmedizin, die ich ihm schon mal auf diese Weise geben musste.  Er verzog das Gesicht zu einer unheimlichen Grimasse, dann standen ihm die Augen 10cm vor dem Kopf und schnurstracks schob er den teuren Kompott mit seiner sabbrigen Zunge wieder nach draussen.  Wird Zeit, dass er Zaehne kriegt, die den Rueckweg blockieren. Anschliessend lachte er sich kaputt und ich versuchte den Apfel-Kram rechtzeitig mit dem Loeffel  von seinem Kinn abzukratzen, bevor es auf dem monstergewaschenen und turbogeschleuderten Hemdchen landet, von denen wir mindestens 6-8 am Tag brauchen. Waehrend Henry erfolgreich gegen mich arbeitet und  wir offensichtlich  voellig verschiedene Ziele vor dem geistigen Auge haben ,  verteilen wir mit vereinten Kraeften den Obstbrei In Henrys Gesicht inklusive aller Nasenloecher.  Henry findet das total lustig und ab und zu saugt er den Apfelmuss tief in die Lunge ein.  Papa und Mama finden das nicht so lustig und versuchen ihm durch schmatzende Geraeusche und improvisierte Handbewegungen beizubringen, wo der Brei  hin soll. Da er lacht und quiekt wie ein kleines Ferkelchen  denkt er sicher, das ist eine neue Show, um ihn zu unterhalten.  Ein Kind braucht schliesslich geistigen in-put und Abwechslung!

Mein lieber Plumber-Gatte Bernd hat den ganzen   Nachmittag damit verbracht, Bewerbungen und Lebenslaeufe zu schreiben,  was natuerlich nicht so einfach ist in einer Sprache, die man weder beherrscht noch versteht. So hat er seine Qualifikationen  fein saeuberlich , phantasievoll, aber bestimmt ins Englische uebersetzt, waehrend ich aus meiner Nusskollektion aus dem Supermarkt kleine Weihnachtsengelchen gebastelt habe.   Wenigstens hat Henry sich sehr fuer die Nuesse interessiert und sich mit mir gefreut, wenn wieder ein kleines Engelchen geboren war und am Wandhaken zum Trocknen aufgehaengt wurde.

Bernd schrieb und schrieb und hatte durueber um ein Haar vergessen, dass er Kaffee- und Zigarettensuechtig ist. Ich vermutete schon, dass er an seinen Memoiren arbeitet, anstatt eine Bewerbung zu schreiben.  Bis zum Abendessen hat er mit stolz geschwellter Brust zwei Seiten ausgedruckt, die ich dann begutachten sollte. Nach dem Abendessen haben Henry und ich uns also drangesetzt, und pingelig wie wir eben sind, jeden Satz markiert und verbessert.  Daraufhin fuehlte sich mein Master-Plumber in seiner Ehre gekraenkt und das Ganze ist dann in eine groessere Diskussion ausgeartet, an der sich Sabber-Henry mit Begeisterung beteiligt hat.  Wiederum fand Henry das alles sehr lustig und seine Eltern nicht! Nach einer Weile entschied  sich Henry, doch lieber Fernseh zu schauen und sich seine Eltern alleine streiten zu lassen.  Eine halbe Stunde und zwei rauschende Koepfe spaeter, qualmte der Computer und das zerfledderte Woerterbuch sah aus, als waere es 100 Jahre alt.  Endlich hatten wir zwei Seiten ausgedruckt, aus denen man hoffentlich erahnen kann, dass mein Mann eine Stelle als Plumber sucht. Ich haette nicht gedacht, dass es so schwierig ist. Jedesmal wenn wir eine tolle Formulierung in Deutsch gefunden haben, fehlte uns ein wichtiges englisches Wort, das man allerdings mit einem anderen Wort umschreiben koennte, welches wiederum –falls man es im Duden findet-, siebenunddreissig verschiedene Bedeutungen  hat.  Und so verging Stunde um Stunde und die Rente (schoen waers!) rueckte immer naeher, der Bart wurde immer laenger und der Regen draussen ueberflutete die gesamte Insel ….

Na ja, nur der Erfolg zaehlt und in 124 Jahre lachen wir drueber (ohne Haare und ohne Zaehne – wie Henry).

Im Fernsehen wird gerade eine Dokumentation ueber einen Schiffsuntergang (wie passend!) gezeigt. In diesem  Moment werden die Passagiere in die Rettungsboote gezerrt. Och, gerade ist ein Arm abgefallen, …. wird wieder ueber bord geschmissen,…. Arme ohne was dran koennen sie nicht brauchen…   Bei mir schwimmen gerade die Fische an der Terrassentuer vorbei. Da lacht ein Hammerhai, ein Stueck weiter saegt ein Saegefisch (den kann ich gut fuer meine Bastelarbeiten brauchen). Ich glaube, ich geh schon mal tief im unendelichen Wandschrank nach den aufblasbaren Schwimmfluegelchen suchen. … Laueft eigentlich bei diesem Hochwasser noch die Klospuelung im Untergeschoss ab oder muss ich da mit Gegenverkehr von Octopus-Saugnaepfen rechnen? Wird ja wohl nicht wahr sein……

Fortsetzung folgt…

Beate Minderjahn

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