6.) Mehr Regen und Buerobedarf

17 Aug

Unser neues Leben am Ende der Welt – Neuseeland 13. November 1999

Meine Souvenir- und Weihnachtsdekorationsproduktion ist in vollem Gange. Kann diese creativen Phasen einfach nicht unterdruecken. Wenn ich nicht gerade putze, koche, spuele, mit diesem widerspenstigen Monster Waesche wasche, Henrys zahnloses Maul fuelle, seine teuflischen Windeln wechsele oder sonstige sinnlose, unterbezahlten Hausfrauenjobs ausfuehren muss, wird ausgeschnitten, geklebt, genaeht, gesaegt, gehaemmert, gemalt und lackiert. Habe mir in verschiedenen shops und dem Supermarkt alles zusammengesucht, was man in einem Bastelstuebchen so braucht, wie Klebepistole, Bilderrahmen, Scheren, Kleber, Hammer, Meissel, Dampfwalze, Baukran und Kettensaege. Das Pinselauswaschwasser habe ich bisher noch nicht getrunken (wie in frueheren enthusiastischen Mal-Attacken, wenn ich gegen Mitternacht und vor lauter Aufregungn den Pinsel im Rotwein gereinigt und dafuer das Pinselwasser getrunken habe). Mich kriegen auch diese Bakterien nicht kaputt!

Ansonsten ist der Alltag eher frustrierend. Es regnet und regnet und regnet noch immer in Stroemen und vielleicht sollte ich zur Abwechslung mal Seetangsuppe zubereiten. Ich koche jeden Tag, werde immer dicker, mein Mann wird immer duenner, Henry kapiert nicht, dass man Apfelmus runterschlucken kann, die Waschmaschine laesst sich jeden Tag was Neues einfallen, um mich zu aergern, der Lockenstab fuer $29.95 hat meine Haare angekokelt und e-mails kann ich immer noch nicht verschicken mangels Internetanschluss, Modem, passender Software und gutaussehendem Computerexperten. Desperate housewife!

Und gleich, wenn meine Maenner aufgestanden sind, die im Gegensatz zu mir eher zur Rasse der Morgenmuffel gehoeren, bekomme ich die erste Beschwerde. Irgendwie hat sich vermutlich die Kaffeemaschine mit der Waschmaschine verbruedert und nun haben sich beide gegen mich verschworen. Jedesmal, wenn ich Kaffee koche, klappt der Kaffeefilter nach innen um, verstopft die Duese, der Filter laeuft voll und anschliessend ueber den Rand der Kaffeemaschine. Die Sauerei bahnt sich dann den Weg ueber die Kuechenablage, hinunter am Kuechenschrank bis zum Fussboden und in die Ritze zwischen Ablage und Kuehlschrank, wo man das nie wieder rauskriegt. Ich glaube ich gehe ins Wasser…. (dann brauche ich nur die Terrassentuere zu oeffnen und werde weggeschwemmt).

Sankt Martin kennt man hier nicht, dafuer marschiert in Orewa bald die Santa-Parade. Alle stehen kostuemiert am Strassenrand und der Weihnachtsmann (Santa Claus) faehrt im grossen, geschmueckten, goldenen Schlitten vorbei und schmeisst mit Hilfe seiner Engelchen Kamellen. Erinnert mich irgendwie an Prinz Karneval und den Rosenmontagszug in Koeln. Tanzgruppen und Tambocorps kommen mir ebenfalls bekannt vor. Gluecklicherweise ist es ja in Neuseeland jetzt schon Sommer (falls die Sintflut jemals stoppt). Da koennten die Deutschen sich ein Beispiel nehmen und ihren Karneval in die waermere Jahreszeit verlegen (wie in Brasilien!). Dann waere man nicht von Aschermittwoch bis Karfreitag krank, weil man im luftigen Kostuem die Sau raus gelassen hat…

Hier faehrt im Weihnachtsumzug noch der Harley Davidsons Club (sehen eher aus wie die Hells Angels) mit, der Oldtimer Verein (inclusive Marylin Monroes pink Cadillac), der 80-jaehrige Elvis-Imitator, Maori Kriegstanz Gruppen, der Verband der Immobilienmakler, die anstatt Kamellen Visitenkarten verteilen und saemtliche Kindersportvereine aus der Gegend einschliesslich Judo, Wrestling, Rugby, Fussball, Surfclub, Cheerleading und Tae Kwon Do. Der Strickclub aus dem Altersheim, die Damen vom Marmeladeneinkoch-Komitee, der Zusammschluss der grauen Panther im Internet und die Stunt- und Skateboard-Ueberlebensgruppe aus dem Krankenhaus – hier kann jeder mitmachen!

Fuer meinen lieben Mann wird es Zeit, dass er einen Job findet, er hat sozusagen genug von Urlaubsstimmung (ist auch nicht der Typ dafuer) und ich vermisse meine 174 Kisten mit Krimskrams, die immer noch um Kap Horn segeln…

Henry erfindet jetzt seine eigene Sprache und erzaehlt mir immer wieder von „Nene“ und „Naengnaeng“. Bin mal davon ausgegangen, dass es sich um seine neuen imaginaeren Freunde handelt, und deshalb haben wir ein Lied daraus gemacht: „Der Nene und der Naengnaeng, das sind zwei eiserne Gesellen…“ Das singen wir jetzt immer beim Windelwechseln. Da lacht das haar- und zahnlose Babymonster.

 Damit ich Bernds Bewerbungsunterlagen (nach deutscher Methode) ordentlich abheften kann, wollte ich im Schreibwarenfachgeschaeft einen Locher kaufen. Leider wusste ich weder das englische Wort fuer Loch, noch fuer Abheften oder Ordner. Die Verkaeuferin war schon beim Teppichsaugen, als ich kurz vor Feierabend reinkam. Dann versuchte ich, ihr anhand eines Musterordners zu verdeutlichen, dass ich eine Maschine brauche, die Loecher in das Papier stanzt, um es dann in „this thing“ (Ordner) abzuheften. Das sind diese frustrierenden Momente, wenn man merkt wie wichtig doch die Sprache und zwischenmenschliche Kommunikation ist. Die Verkaeuferin hat mich angestarrt, als waere ich gerade aus dem Irrenhaus entlaufen, und dann tat sie so, als haette sie ueberhaupt keine Ahnung was ich von ihr wollte. Dass sie mich nicht mit ihrem gefraessigen Sauger aufgesaugt hat, war alles. „I want to put little..(?)… in the paper to put it in the ..(?)… (und zeigte auf den Ordner). Das kann doch nicht so schwer zu verstehen sein. Jedenfalls das Drama in drei Akten hatte letztlich ein Happy End. Ist ja auch ganz einfach, wenn man weiss, dass Locher „punch“ heisst.

Im Supermarkt habe ich ein Spray gegen Geruchsdaempfe in Kleidern, Moebeln und Teppichen gekauft. In unserem Schlafzimmer (im Keller der Arche Noah) roch es staendig nach Kaese und wir verdaechtigten uns gegenseitig aufs Schaerfste, der Urheber zu sein. Zuletzt und um meine Ehe zu retten, musste little Henry dran glauben. Aber nun hat die Chemische Keule gesiegt und ich kann die Gasschutzmaske aus dem 2. Weltkrieg wieder in der grossen Abstellkammer verschwinden lassen. Die extremen Daempfe ganzer Epochen hatten sich so im Teppich festgebissen, dass man zeitweise denken konnte, eine Leiche unterm Haus sei im fortgeschrittenen Verwesungs-Prozess. Das ist das Richtige fuer meinen Mann und seine Bazillen-Phobie!

Bernd hat sich in den eisernen Ofen verliebt und macht jetzt jeden Abend Feuer mit dem Holz vom Strand. Hauptsache schoen warm und der kleine Feuerteufel hat was zu spielen, auch wenn es 20Grad C (uber Null!) ist. Wird Zeit, dass er Arbeit findet.

Ich muss jetzt mal sehen, wo meine geruchs- und bazillenverseuchte Mannschaft geblieben ist. Die crew ist seit gestern abend unter Deck verschollen und ich schippere den Dampfer hier ganz alleine durch die rauhe See, „Eine Seefahrt, die ist lustig – eine Seefahrt, die ist schoen …“ – und der Kaffee ist fertig!

Fortsetzung folgt…

(c) Beate Minderjahn

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