7.) Endlich Sonne und Rotwein im Karton!

18 Aug

Unser neues Leben am Ende der Welt – Neuseeland  16. November 1999

Endlich ist die Sonne rausgekommen, hat die Ueberflutung gestoppt, und meine Arche ist wieder auf festen Grund aufgelaufen.  Jetzt muessen wir uns  gut eincremen, da man sonst dank der internationalen Industrialisierung und der  verduennten Ozonschicht einen Sonnenbrand bekommt  und  bereits am ersten Tag einem  alten Brathaehnchen aehnelt. Meinen lieben Mann hindert der positive Wetterumschwung allerdings nicht daran, weiterhin jeden Abend Feuer im Ofen zu machen, als waeren wir im Winterurlaub in einer Canadischen Holzhuette.  (Vielleicht schicke ich ihn mal auf die Baerenjagd!)

Zum Glueck hat der kleine Feuerteufel morgen sein erstes Bewerbungsgespraech bei einer Installationsfirma in Auckland, die bald eine Grossbaustelle in unserer Naehe startet.  Hoffe sehr, dass er den Job bekommt. Man hat ihn schon nach seinem Werkzeug gefragt, das immer noch im Container ueber die Meere schippert. Hier muss jeder Handwerker sein eigenes Werkzeug mitbringen. Das finde ich sehr gut und man koennte das in Deutschland auch einfuehren. Dann wuerde bei den Unternehmern nicht so viel Werkzeug verschwinden und es wuerde von den Angestellten sicherlich besser gepflegt.

Als ich little Henry heute nachmittag auf den blanken Bauch gepustet habe, hat er tierisch gelacht und sich vor Freude mit der kleinen Faust meine Haare geschnappt und daran gerissen. Dann hat er noch mehr gelacht, weil ich vor Ueberraschung und Schmerz geschrien habe, er solle sie wieder los lassen. Henry, jetzt schon vier Monate alt, dachte im Traum nicht daran, diese Trophaee wieder freizugeben. Im Gegenteil, er schleuderte meinen Kopf, der immer noch an besagtem Haarbueschel hing, hin und her und fand das noch viel lustiger. Das ist ein ganz schoener,  kleiner,  hinterlistiger Schlawiener.  Von wem hat er das?

Endlich habe ich auch eine Methode gefunden, wie ich Henry beruhigen kann, wenn wir am Strand Treibholz und Muscheln sammeln und er keine Lust mehr hat. Wenn er anfaengt zu schreien, drohe ich ihm damit, dass wir wieder nach Deutschland ziehen, dann schaut er mich mit grossen Kulleraugen an  und hoert auf zu schreien.  Habe ihm auf einem Markt fuer einen  kleinen Sonnenschirm fuer den Kinderwagen gekauft. Davon ist er ganz fasziniert, vor allem, wenn ich daran die Gummi-Hosentraeger befestige, die wir zum Abschied aus Deutschland von Freunden geschenkt bekamen. An die zwei freien  Hosentraegerklipse klemme ich dann seine hoelzernen Spielringe, den Beissring  und die Kuscheltiere.  Jedes mal wenn er daran zieht ,  flitschen sie wieder weg und dann wird Henry total wild. Er schimpft ganz boese und schreit das Spielzeug an und dann ruft er seine eisernen Gesellen „Nene“ und „NaengNaeng“ zur Hilfe.

Im Supermarkt gibt es eine ganze Palette von Lebensmittelfarben  (fast wie im Baumarkt). Deshalb sind die Kuchen und Toertchen hier auch so schoen bunt und abwechslungsreich. Kann mir allerdings nicht vorstellen, dass es gesund ist.  Und dann der Wein. Den kann man ausser in Flaschen auch im rechteckigen 3-Liter Paket kaufen.  Das ist ein Pappkarton, in dem sich eine Plastikfolie mit 3 Litern Wein befindet. Unten am Karton kann man eine paerforierte Lasche eindruecken und dann kommt ein Kunstoff-Patentverschluss zum Vorschein wie an einem deutschen Bierfaesschen. Wenn man dieses Patent-Oeffnungssystem einmal verstanden hat, braucht man nur noch den Karton an die Tischkante zu stellen und kann dann Glas fuer Glas aus dem Karton zapfen. Und wenn man das Paket ausgesoffen hat und nicht mehr weiss, was man macht und wer man ueberhaupt ist, legt man den leeren Karton auf den Boden und versetzt ihm einen ordentlichen Tritt zur Terrassentuere hinaus (falls die gerade offen ist – wenn nicht, ist es nach 3 Litern Rotwein auch egal!) Dann holt man sich aus der gefraessigen , ueberdimensionalen Abstellkammer das naechste Patent-Paket. Das ist aus mehreren Gruenden eine phantastische Erfindung. Erstens lassen sich Pakete viel oekonomischer in der Abstellkammer stapeln als die viel zu kleinen empfindlichen Glasflaschen von Rhein und Ruhr, die man dann auch noch (zur Vermeidung von Diskriminierung durch die neugierige Nachbarschaft am besten bei Nacht und Nebel und verkleidet) zum Flaschencontainer schleppen muss.  Wenn man seinen Rausch ausgeschlafen hat, sammelt man einfach die Kartons von der Terrasse und im Garten wieder ein, vergraebt die leeren und geschrumpften Plastiktueten im Plastikmuell und versteckt den auseinandergeklappten Karton zwischen den alten Zeitungen im Papiermuell.  Falls die Abstellkammer fuer den Vorrat (man weiss ja nie wenn mal eine Hungersnot oder Katastrophe ausbricht) zu klein ist, koennte man mit den vollen Kartons Zwischenwaende einziehen, den Garten ummauern oder eine Garage anbauen. Und das Schoenste ist, man hat immer was zu trinken und Rotweinsauce bis zum seeligen Ende.   

Bier kann man hier uebrigens als Pulver kaufen und man ruehrt es einfach in Leitungswasser. Bernd hat es wegen moeglicher Bazillen und anderer Krankheitserreger noch nicht probiert,  aber eines Tages werden wir auch das System erforschen.  Ich nehme an, es zischt und sprudelt wie in einer Hexenkueche beim Ruehren.

Wenn man einkauft, kann man eine Art Scheckkarte beantragen, auf der man Punkte sammelt und wenn man genug davon hat, kann man sich ein Kuechengeraet, eine „filterlose“ Kaffemachine,  die turbogesteuerten Heisslockenwickler, eine Flugreise nach Sibirien oder den Hotelaufenthalt im Transylvanischen Gebirgsplateau aussuchen.  Bei dem Verhaeltnis zwischen Einkaufssumme und der Belohnung mit Punkten kann es nur etwa 726 Jahre dauern, bis wir die Busreise nach Hamilton „verdient“ haben .  Wir koennen ja schon mal hinter der biestigen Waschmaschine, den gestapelten Weinkartons und der verrosteten Angelausruestung im gigantischen Wandschrank  nach unserem Koffer suchen …

Fortsetzung folgt…

(c) Beate Minderjahn

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