11.) Ein kleiner Ausflug!

5 Sep

Unser neues Leben am Ende der Welt – Neuseeland  24. November 1999

Endlich kam die Nachricht, dass unser Containership „OPTIMISM“ (wie passend!) dem Sausewind um Cap Horn standgehalten hat. Wenn es nicht im letzten Moment  von Piraten ueberfallen  oder von Haien angefressen wird, (die beissen sich spaetestens an Bernds Schweissgeraet die Zaehne aus), dann trudelt der gute Kahn mit 174 items of household goods am 4. Dezember im Aucklaender  Hafen ein.  Ich bastel schon mal kleine Faehnchen und Luftschlangen, damit wir rechtzeitig zum Empfang am Kai (nicht Pflaume! – obwohl, das waere auch nicht schlecht, wenn der ploetzlich aus dem Container krabbelt!) stehen.

Seit wir hier sind vermisse ich am meisten (neben meiner Schwester) ein schoenes deutsches Vollkornbrot, so eins in  der Form und Konsistenz eines Ziegelsteins. Leider habe ich so ein kompaktes, handliches, dunkles Brot, mit dem man  gleichzeitig noch Einbrecher und Triebtaeter bekaempfen kann, noch nirgendwo gefunden. Es gibt nur diese labbrigen, schwammartigen, weissen Toastbrote.  Wenn man im Supermarkt unter „Europaeische Delikatessen“ mal ein dunkles Brot mit der Aufschrift „Bavarian Style“ (?!?) findet und sich draufstuerzt, damit kein anderer Europaeer es einem vor der Nase wegschnappt, dann stellt man schnell  fest, dass es sich hierbei nur um eine Atrappe handelt. Der optische Eindruck ist authentisch, aber die Konsistenz ist die gleiche wie beim labbrigen Weissbrot, mit dem man auch in aller Ruhe sein Auto putzen koennte, ohne einen Kratzer zu hinterlassen. Wenn das Brot feucht wird, tritt der eingebackene Kleber in seine Funktion und das ganze wird zu einer weichen, feuchten, klebrigen Masse, mit der man im Kindergarten Figuren modellieren kann. Ich glaube auch nicht, dass diese gallartartige Masse gesund ist, wenn sie tagelang im Magen kleben bleibt, bis man etwas Hartes isst (Schleifpaper oder durchgebratenes Rindersteak), um sie innerlich abzuschaben. Wie sehne ich mich nach einem Stueck massivem, herzhaften Koernerbrot aus einer deutschen Baeckerei, mit dessen Rinde man sich easy das Zahnfleisch aufschlitzt, und von dem man jeden Bissen 137 mal kauen kann, damit man anschliessend fuer mehrere Stunden wirklich keinen Hunger mehr hat. Schade, dass man hier keine Lebensmittel mitbringen darf, sonst koennte mir meine Schwester einen Koffer voll Kosackenbrote mitbringen, wenn sie uns im Dezember besuchen kommt. Die Brote koennte ich gut zwischen den Weinkartons in der gigantischen Abstellkammer stapeln!

Da Bernd heute seinen zweiten Arbeitstag hatte und am Morgen wieder froehlich mit dem Auto und seiner polierten Thermsokanne abgedampft ist, habe ich beschlossen, mit meinem kleinen, heissgeliebten Baby Henry, einen schoenen langen Spaziergang nach Orewa zu unternehmen. Gesagt, getan.

Gegen 11 Uhr machten wir beide uns auf den Weg, adrett gekleidet und den Kinderwagen mit allem Noetigen bepackt, was man eben so braucht  fuer eine Entdeckungsreise, eine Hungersnot oder einen abrupten Klimawandel.  Von unserer kleinen Huette aus marschierten wir erstmal stramm und voller Elan bis zur Strasse und dann den Berg hinunter, um unten am Meer die  stark befahrene Hauptstrasse zu ueberqueren. (Den Dinosaurier mussten wir leider wieder abschaffen, da er beim Atmen Bernds Auto mit gemein-gefaehrlichen Bazillen bespruehte). Nach einer Viertelstunde waren wir tatsaechlich auf der anderen Strassenseite und mit aller Kraft und schnaubend wie eine alte Dampflokomotive schob ich das schwere Baby in dem noch schwereren deutschen Qualitaetskinderwagen den steilen Fussweg hinauf – links die wunderschoenen Haeuser mit Meerblick, rechts die Leitplanke und die abgasverseuchten Autos und Lastwagen. Fast oben angekommen und nach Sauerstoff ringend endete der Fussgaengerweg leider ploetzlich und unerwartet an der Schnellstrasse mit einer Luecke in der Leitplanke?!?  Was hat das zu bedeuten? Auf der anderen Strassenseite war keine Luecke in der Leitplanke, hier war kein Ueberweg und die Autos rasten immer noch in vollem Karacho an uns vorbei. Von hier aus haette ich nur noch auf dem Randstreifen der Schnellstrasse  weitergehen koennen. Das war mir auf jeden Fall zu gefaehrlich mit Kinderwagen!

Ich fand die Verkehrsfuehrung sehr merkwuerdig und muetterunfreundlich. Was nun? Also musste ich den ganzen steilen Berg mit Sack und Pack und dickem Baby, das heute zur Abwechslung  mal sehr gut gelaunt war und aus seinem Kinderwagen lachte (hoffentlich nicht ueber das Schnauben seiner Mutter!), wieder runter gehen. Gehen ist diesbezueglich nicht das richtige Wort. Man haette es eher als Laufen oder Rennen bezeichnen koennen, was aber auch nicht exakt wiedergibt, wie ich versuchte mit meinem gesamten Koerper in Rueckwaertslage und als Gegengewicht zur Schwerkraft dagegen anzukaempfen, dass mein Kinderwagen mit der Notausruestung fuer mehrere Tage (man weiss ja nie) in einem Affenzahn nach unten rast. Wieso hat das Ding eigentlich keine Bremse und wieso muessen Babys keine Sturzhelme tragen? Kinderwagen werden bestimmt  von Maennern (ohne Kinder) entworfen! Haette ich mich nicht wie beim bitteren Kampf um die letzte Bluse im Schlussverkauf von C&A am Griff des Kinderwagens festgekrallt, waere Klein-Henry den Berg runtergeflitzt und haette vermutlich den Weltrekord im Baby-ueber-Stock-und-Stein-Rennen gebrochen. Schon  an einem eisigen Wintertag in 1964 hatte mein grosser Bruder im Alter von sechs Jahren festgestellt, wenn er neben seiner kleinen Schwester (ich!) noch einen dicken Felsbrocken  auf den Schlitten legt, rast der viel schneller den zugeschneiten Berg hinunter – bis in den Stacheldraht…

Nachdem ich und mein freudestrahlendes, zahnloses Baby den Rueckweg auf diesem steilen Gelaende ueberlebt haben, waren wir also wieder unten am Meer, wo wir wiederum 20 Minuten warten mussten, um die Strasse zu ueberqueren.  Dann versuchte ich mein Glueck auf der anderen Strassenseite, wo ich bisher noch nie einen Fussgaengerweg gesehen habe. Trotzdem habe ich versucht, mir mit schwerem Gefaehrt und Kampfgepaeck den Weg hinauf zu bahnen, durch wilde Buesche und Straeucher, ueber rauhe Wurzeln und alte Baumstuempfe. Wieso haben Kinderwagen eigentlich (neben Bremsen) auch keinen Motor?  Und wieso hatte ich nicht daran gedacht, eine Machete einzupacken? Aber auch hier endete der Weg schon nach ein paar Minuten in der Leitplanke, diesmal ohne besagte Luecke.

Wie kommen denn die anderen Muetter in die Stadt, wenn sie kein Auto haben? Sehr merkwuerdig. Kann man denn wirklich nur mit dem Bus fahren, dessen Haltestelle sich unten am Meer  befindet?  Nun gut, dachte ich mir, so schnell geben wir doch nicht auf. Wenn das die einzige Chance ist, in die Zivilisation vorzudringen, dann rasen wir eben wieder durch das wilde Gebuesch, die Straeucher, ueber rauhe Wurzeln und alte Baumstuempfe nach unten und nehmen den Bus. 

Als wir endlich und schon etwas abgekaempft das Bushaeuschen erreichten, war dort weder ein Fahrplan ausgehaengt noch irgend ein Beweis dafuer, dass hier ueberhaupt jemals ein Bus anhaelt. Und ausserdem waere der Bus auf dieser Strassenseite in die falsche Richtung gefahren, ausser er haette mitten auf der Schnellstrasse eine Kehrtwende gemacht und dadurch vermutlich ein Vekehrschaos verursacht, das dann die einzige Strasse nach Norden fuer Tage gesperrt haette. Das kann doch nicht sein!  Adlerauge sei wachsam! Was sehe ich denn auf der anderen Strassenseite?  Noch ein einsames und verlassenes Bushaeuschen. Ohne Zoegern nahmen wir die 25 Minuten Strassenueberquerungszeremonie in Kauf, um auch dort weder einen Fahrplan noch irgendwelche Ueberbleibsel  von oeffentlichen Verkehrsmittel-Nutzern (abgerissene Fahrkarten, Kaugummi-Papierchen, Zigarettenstummel) zu finden.   Immerhin waere es dieses Mal die richtige Richtung gewesen. Kein Bus in Sicht, nicht hier, nicht auf der anderen Seite! Also haben wir nach nochmaligem  30-Minuten-Strassenueberquerungs-Manoever den strategischen Plan geaendert und den  Weg zurueck zum Hauptquartier angetreten. Henry hat sehr ueberrascht aus seinem Kinderwagen geschaut, als er nach zweieinhalb Stunden „Rallye Paris-Dakar“ und zwanzig Hauptstrassenueberquerungen durch dunkle Abgaswolken, wieder seine Haustuere erkannte. 

Nach Henrys Mittagsschlaefchen und einigen Taesschen Kaffe sind wir nochmal losgezogen, diesmal ohne Gepaeck und nur, um am Meer neue Muscheln und Treibholz fuer den Hochofen zu sammeln (und um mich zu vergewissern, ob nicht doch irgendwo eine abgerissene Fahrkarte rumliegt oder ein abgekauter Kaugummi klebt). Aber auch dieser Ausflug war nicht gerade von Erfolg gekroent, da uns ganz hinten, am Ende vom Strand, ein kleiner Platzregen ueberraschte und wir unsere Tour triefend nass und abrupt (plus 35 Minuten zur Ueberquerung der „Autobahn“) abbrechen mussten.

Ist vielleicht doch nicht so guenstig, wenn man hier kein Auto hat.

Da Bernd’s Arbeitgeber noch keinen Firmenwagen fuer ihn hat, muss er auch weiterhin sein eigenes Fahrzeug nutzen.  Muss meinem lieben Mann heute abend ein paar Schoko-Muffins servieren und ihn davon ueberzeugen, dass er unbedingt einen Kleinbus braucht, den er viel besser fuer seine Arbeit, seine geplante Selbststaendigkeit und  zum Transport unserer bald eintreffenden  1267 household items vom optimistischen Containerschiff, nutzen kann. Und da wir das Cottage nur fuer drei Monate gemietet haben, muessen wir Ende Januar noch umziehen. Diesen Argumenten konnte er nichts entgegen setzen, fand die Idee gut  und wollte sich am naechsten Tag gleich eine Autozeitung kaufen. Habe ihm noch nichts davon gesagt, dass ich den Kombi brauche, um unser schweres Baby in die Stadt zu transportieren…

Fortsetzung folgt…

(c) Beate Minderjahn

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