13.) Reisetips!

12 Sep

Unser neues Leben am Ende der Welt – Neuseeland  26. November 1999

Da ich heute wieder ans Haus gefesselt war (wegen: kein Auto, kein Fussweg, kein Bus), habe ich mein Muffin-Heim-Studium fortgesetzt. Nein, wider Erwarten diesmal kein Chaos in der Kueche – alles ganz normal! Habe die Pizza-Muffins gebacken,  gleich vier Stuecke davon gegessen und anschliessend noch schnell fuer meinen lieben Mann das Double-Chocolate-Rezept mit 2000 Kalorien pro Stueck, viel Schokolade und 500ml Sahne ausprobiert. Bin ja sonst kein Kuchenfreund, aber die Dinger sind wirklich lecker (musste natuerlich mal probieren).

Damit Henry waehrend meiner Back-Orgien was zu tun hat, habe ich den ganzen Kuehlschrank mit Photos aus Deutschland zugehaengt. Dann sitzt er ganz lieb davor, starrt die Bilder an, spricht mit den Leuten und sabbert dabei alles voll, so dass ich am liebsten das ganze Baby auswringen wuerde. 

Ich freue mich sehr, dass meine Schwester bald kommt,  damit ich sie mit Muffins vollstopfen kann. Weil sie schon so nervoes und aufgeregt ist wegen des grossen Fluges, habe ich ihr noch schnell ein Beruhigungsfax geschickt:

„Liebe Iris,

Mach Dir keine Sorgen wegen des Fluges! Wenn Du erstmal rechtzeitig in Frankfurt ankommst und  in der richtigen Maschine sitzt, kann nicht mehr viel passieren. Zuerst bekommst Du was zu essen (vermutlich Bratwurst und Fisch) und zu trinken und dann schaust Du Dir die 27 Kinofilme an, die Du schon immer sehen wolltest (oder auch nicht). Neunzehn Radiosender geben Dir das lang-ersehente kulturelle up-date aus der Klassik- und Opernwelt. Dann  waelzt Du Dich ein paar Stunden hin und her mit dem elektro-statisch aufgeladenen Miniatur-Kopfkissen um den Hals drapiert und der Wolldecke aus 100% Kratzhaar, die  von der Fluggesellschaft feierlich in einer Plastiktuete serviert wird. Zwischendurch versuchst Du, Deine eingeschlafenen Fuesse aufzuwecken um eine Trombose zu verhindern  und gehst mangels Tiefschlaf und wegen der nervoesen Blase 86 mal zur Toilette. Und so vergehen 12 Stunden wie im Flug.  Wenn Du ploetzlich und unerwartet in Los Angeles ankommst und aussteigen darfst, musst Du einfach den Schildern folgen, damit Du den richtigen Transit-Raum zum Absitzen weiterer zwei Stunden findest. Es ist erstaunlich, wie selbst aus einem Transitraum ohne Ausgang jedesmal Leute verschwinden und hundertmal ausgerufen werden muessen, bevor es weitergehen kann.  Jedenfalls brauchst Du dann nur noch in das richtige Anschluss-Flugzeug nach Auckland einzusteigen. Ganz easy! Lauf einfach hinter den anderen Leuten her (natuerlich nur denen, die auch nach Neuseeland fliegen!).

Wenn Du erstmal  in der naechsten Boing sitzt, kriegst Du wieder was zu essen und zu trinken (Wurst & Fisch), noch mehr Gruselfilme, Opern im Radio, eingeschlafene Fuesse und verseuchte Toiletten-Stops. Bevor Du die Toilettenspuelung drueckst, vergewissere Dich, dass die Ohrenstoepsel tief in den Ohren stecken (1 Troepfchen Superglue wirkt Wunder) und ueberpruefe auf jeden Fall, ob  das Gebiss, die Zahnspange, saemtliche Haarextensions,  manuelle Silikonbuseneinlagen, aufblasbare Povergroesserungkissen, farbige Kontaktlinsen, kuenstliche Wimpern und Fingernaegel,  Piercings, Tatoos, die Kronjuwelen, das Strass-Diadem und alle uebrigen koerperlichen Verschoenerungsmassnahmen, die nicht angewachsen sind, fest sitzen, weil die Edelstahl-Toilette gerne unter tosendem Laerm Sachen einsaugt und durchs Universum schleudert.

Kurz nach dem Fruehstueck und dem 17. Bratwuerstchen mit  Fisch hast Du es auch schon  geschafft. Was sind schon 24 Stunden? Die sitzt man doch auf einer Backe ab. Und denk daran, bequeme Kleidung und was zum Wechseln ist wichtig, falls es Deinem Nachbarn uebel wird und er auf Dich spuckt, weil er die Papiertuete nicht schnell genug findet (oder sie schon voll ist). Ein kleiner Kulturbeutel (was hat das eigentlich mit Kultur zu tun?) ist ebenfalls ein absolutes Muss und sollte Zahnbuerste, Spiegel, Schminksachen, Frisierzeug, Gesichtsmasken (man weiss ja nie, wer einem begegnet) und Rescue-Tropfen enthalten. Setz Dich auf jeden Fall zum Gang! So brauchst Du nicht jedesmal ueber Beine und Baeuche zu klettern, wenn Deine schwache Blase jeden Sinn fuer Zeit und Raum verliert. Ausserdem siehst Du immer zuerst, wenn spannende Dinge passieren, wie das Vorbeischieben des Speise-und Getraenkewagens, wenn die Damen nachts frisches Quellwasser im Plastikbecher servieren oder hektisch nach einem Arzt ausrufen. Oder wenn sie die aufblasbaren Schwimmwesten verteilen, die grundsaetzlich nie  in ausreichender Anzahl vorhanden sind (Murphie’s Gesetz). Ein Fensterplatz lohnt sich auch deshalb nicht, weil schon nach ein paar Minuten und wenn die Aussicht endlich interessant wird, mindestens drei Passagiere meckern und die Fenster verdunkeln wollen, damit sie mal in Ruhe schnarchen koennen.

Nutze einfach die Gelegenheit, Dich mal richtig zu entspannen und wenn Ihr durch Turbulenzen fliegt (hoffentlich nicht waehrend des Essens wie bei uns), dann stell Dir einfach vor, Du waerst beim Oktoberfest auf der Achterbahn. Wenn es geht, verstau Dein Handgepaeck anstatt oben im Gepaeckfach unter Deinem Sitz (auch wenn die Stewardessen das nicht gerne sehen) – nur fuer den Fall, Du brauchst mal schnell die Anti-Wrinkel-Creme, das goldene Pedikuerset, die handgestrickten Wollsocken oder die ABC-Schutzmakse (gegen feindliche Pubs-Attacken). 

Ansonsten lass alles zu Hause, was wir sowieso schon haben und bestell allen Freunden und Verwandten, dass wir nur Geschenke annehmen, die unter 150g wiegen. Versteck Dein Ticket und den Reisepass in einer wasserdichten und taucherfreundlichen Huelle (man weiss ja nie). Der Rest ist kein Problem!

Und wenn Du erstmal hier bist, musst Du unbedingt meine neuen Muffins probieren!

Deine grosse Schwester (die in Wirklichkeit 15 cm kleiner, dafuer aber 10 Jarhe aelter ist)“

Fortsetzung folgt…

(c) Beate Minderjahn

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