14.) Eine Busfahrt, die ist lustig…!

16 Sep

Unser neues Leben am Ende der Welt – Neuseeland  27. November 1999

Ein weiteres Semester meines Muffin-Heim-Studiums nimmt seinen Lauf. Dieses mal habe ich das Rezept mit Avocado, Mais und Camembert ausprobiert. Sind total lecker, habe die Haelfte der Muffins schon gegessen und den Rest fuer meine Schwester eingefroren, die uns bald besuchen kommt.

Nachdem ich alle Waesche sortiert, die Voegel auf der Terrasse beobachtet, und die gestreiften Sofakissen aufgeschuettelt  habe, durchwuehlte ich die Schublade im Wohnzimmerschrank und fand ueberraschend einen zerfledderten Busfahrplan. Wenn das kein Zeichen aus dem Universum ist… Und tatsaechlich -wenn ich als ehemalige Betriebswirtin und Karrierefrau die Tabelle richtig deute- haelt einmal pro Stunde ein Bus unten am Bushaeuschen. Fest davon ueberzeugt, es handelt sich um Vorsehung, habe ich mein Baby geschnappt, in den Kinderwagen verfrachtet, die uebrige Mutter-mit-Kind-Ueberlebensausruestung in den Wagen geschleudert  und schwupp – zur Haustuere hinaus.

That’s my kind of day! Vor lauter Abenteuerlust habe ich den Fahrplan auf dem Esstisch liegen lassen. Nur 25 Minuten Strassenueberquerung spaeter und gerade an besagter Haltestelle angekommen, haelt auch schon der lang ersehnte Bus, der uns in die Freiheit befoerdern soll.  Zum lachhaften Preis von $1.10 wollte der mindestens zwei Meter grosse Busfahrer gerne das Burgfraeulein und ihr Ritter-Baby mitnehmen, hat jedoch gleich mit seinem geschulten Auge abgeschaetzt, dass unser Kinderwagen nicht durch die Vordertuere passt. Hilfsbereit und wie ein echter Kavalier sprang er auf, signalisierte mir, ich solle hinten einsteigen und kam von innen zur Hilfe. Die Idee war gut!

Aber leider war unser super-deutscher Marken-Qualitaetskinderwagen aus dem Baby-Fachgeschaeft zu breit (oder der Bus zu eng). Es lag weniger an der Breite der Tuere als an dem aus Sicherheitsgruenden angebrachten halbhohen Metallbuegel, der die Tueroeffnung in zwei gleichgrosse Teile teilte. Meine koenigliche Babykutsche wollte weder links noch rechts daran vorbeipassen. Da beschloss der grosse, starke Baer von einem Busfahrer kurzerhand und ohne meine Zustimmung einzuholen, den gesamten Wagen mit allem Gepaeck einschliesslich Kind ueber den Mittelgriff zu heben. Der Mann hat geschnaubt, geroechelt, gequalmt, nochmal tief Luft geholt und mit einem kurzen, lauten Aufschrei die ganze Einheit in die Luft gestemmt. Ungluecklicherweise verhakte sich der Kinderwagengriff in einem kleinen Vorbau am Dach des Busses. Ich war viel zu klein und versteinert, um zu helfen. Habe keine Ahnung, was der grosse Baer dachte, aber mit einem lauten Aechzen, einem weiteren Aufschrei und einem powervollen Ruck, maneuvrierte er meinen dicken Wagen samt Henry in abenteuerlicher Schraeglage und unter den bewundernden Blicken der uebrigen zwei Passagiere in den Bus hinein. In einem Amerikanischen Movie, waere das die Stelle, wo alle klatschen. Aber wir sind ja nicht in Amerika! Gott sei Dank. Ich war ueberzeugt, der Busfahrer war gleichzeitig noch Hobby-Gewichtheber oder Hammerwerfer in der Nationalmannschaft. Mir war die ganze Situation sehr peinlich (dachte blitzartig an  meine Karriere, die ich fuer Kind, Land und Leute aufgegeben hatte) und bedankte mich sehr herzlich in gebrochenem Englisch bei dem schwitzenden Red Bull fuer seine ueberdimensionalen Kraefte. Ich vermute allerdings, wenn er uns nochmal am Bushaeuschen sieht, gibt er Vollgas und saust davon.

Immerhin waren wir schon mal drin, im Bus, und ich konnte auf dem Weg nach Orewa in Ruhe darueber nachdenken, wie ich wieder aus dem Bus herauskomme. Henry hat einmal tierisch gelacht und dann waren wir auch schon am Ziel angekommen. Bevor ich mir selbst die Frage nach dem weiteren Vorgehen beantworten konnte, war Superman schon auf seinem Weg um Rittersfrau mit Kind zu retten. Vermutlich noch ein wenig erschoepft, da die Busfahrt von Hatfields Beach nach Orewa nur 5 Minuten dauert, zerrte er am Kinderwagen, bevor ich mich ueberhaupt vom Sitz erheben konnte. Wieder versuchte er den Wagen mit Kind und Kegel unter lautem Aufschrei in die Luft zu stemmen,  als seine Abloesung, ein kleiner, duenner, aber frischer Busfahrer zur Hilfe eilte. Dann haben beide mit vereinten Kraeften und im Schnellverfahren (Bus hatte vermutlich schon Verspaetung) am Kinderwagen gerissen, gezogen und gebogen, der Grosse oben, der  Kleine unten. Wenn sich Henry-Baby nicht mit seinen winzigen Faeustchen im Innenpolster des Kinderwagens festgekrallt haette, waere er im hohen Bogen rausgeflogen und auf dem Dach des Bushaeuschens gelandet. Ist aber alles nochmal gutgegangen. Mir wurde schlecht bei dem Gedanken, dass ich diese Prozedur noch zweimal auf dem Heimweg durchmachen soll. Zu Fuss nach Hause gehen stand ja wegen Nichtvorhandenseins eines kinderwagenfreundlichen Fussweges ausser Debatte.

Um einer ausgepraegten Panikattacke vorzubeugen und meine Nerven zu beruhigen, gingen wir erstmal in die Stadtbuecherei. Dort fand ich zwischen den Infoblaettern einen neuen Busfahrplan (alles Vorsehung). Waehrend ich in den Heilung-durch-Selbsthypnose-Buechern stoeberte, hat Henry ein kleines Nickerchen gemacht. Ist auch gut so, denn in der Buecherei ist alles sehr friedlich und andaechtig. Schreiende Kinder sind auch in Neuseelaendischen Buechereien nicht sehr beliebt.  Beim Einkauf im Supermarkt war ich zurueckhaltend und habe mich auf das Noetigste beschraenkt, um die Umstaende meiner Heimreise nicht zu erschweren. Wenn ich alle Zutaten gekauft haette, die ich fuer mein naechstes Muffin-Rezept brauche, muesste Arnold Schwarzenegger den Bus fahren.

Nach ein paar Atemuebungen und um den Rest des sonnigen Nachmittages zu nutzen, haben wir uns mit einem kleinen Lunch am wunderschoenen Strand von Orewa niedergelassen. Waehrend ich so den Horizont beobachte, kommt mir die rettende Idee!

Bevor der Bus kommt, baue ich an der Haltestelle den Kinderwagen  auseinander, klappe die beiden Teile zusammen und steige einfach so, mit separatem Ober- und Unterteil, einem dicken Baby, dem Gepaeck zum Ueberlebenstraining und den Tueten mit dem Noetigsten vom Supermarkt in den Bus hinein. Wieso war ich nicht frueher drauf gekommen?

Also zurueck zur Bushaltestelle, das ganze Gepaeck auf dem Buergersteig verteilt, den Wagen (mit Baby unterm Arm) auseinander gebaut, die Einzelteile zusammengeklappt, schon etwas ausser Aten, …da verwickelt mich ein altes Muetterchen (sehr klein und stark geschminkt)  in das uebliche Gespraech. „How old is the Baby? – boy or girl?“  (sieht man das denn noch immer nicht?). Nachdem ich schwitzend und atemlos alle Fragen zu ihrer Zufriedenheit beantwortet habe, erlaubte ich mir eine Gegenfrage: „Is this the bus to Hatfields Beach?“  Sie schaute mich ganz verdutzt an und versuchte mir in extrem langsamen Redefluss (speziell entwickelt fuer die Unterhaltung mit Auslaendern) zu erklaeren, dass Hatfields Beach in der anderen Richtung liegt und deutete auf den Huegel am noerdlichen Ortsausgang.  Und sie hatte Recht – ich war an der falschen Bushaltestelle! Kann mich einfach noch nicht an diese „falschen Strassenseiten“ gewoehnen. Also habe ich alles wieder auseinandergefaltet (mit Baby auf dem Arm), die Teile zusammengebaut, das Sturmgepaeck, die Supermarkttueten und das Kind im Wagen verstaut und bin um die Ecke gerannt, zur anderen Bushaltestelle. Dort hatte ich die Wagenteile noch nicht ganz auseinandergebaut und zusammegefaltet, als schon neben mir der Bus eine Vollbremsung macht. Die uebrigen Passagiere  schauten interessiert zu, wie ich erst das Oberteil, dann das Unterteil , dann die Taschen und Einkauftueten (die gerade noch schnell in den Dreck gefallen sind) mit einem Baby unterm Arm in den Bus jongliere, bevor die Tueren automatisch schliessen. Der Fahrer observierte mich misstrauisch im Rueckspiegel und telefonierte intensiv auf seinem Handy. Wiederum froh, im Bus zu sein, war ich dieses Mal schweissgebadet und feuerrot im Gesicht. Hauptsache ich war drin, mit meinem ganzen Kraempel. Beim Anfahren der heimatlichen Haltestelle, beendete der Busfahrer  schnell das Telefonat. Das war vermutlich sein grosser und kleiner Kollege von der Fruehschicht, die ihn  vor merkwuerdigen Burgfraueleins mit Kind gewarnt hatten. Entweder aus Fahrplantechnischen Gruenden oder aus Mitleid kam er noch schnell angelaufen und half, meinen ganzen Kram aus dem Bus und vor das Bushaeuschen zu werfen.    

Stark nach Schweiss riechend, aber endlich wieder zu Hause, war mir eins klar geworden: „Mit diesem bloody f….. Kinderwagen“  fahre ich nicht nochmal im Bus! Ich wusste doch, dass ich Bernd‘s neue Vokabeln eines Tages brauchen kann.

Ein zweites Auto muss her!

Fortsetzung folgt…

(c) Beate Minderjahn

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