17.) Goldene Engel…!

28 Oct

 

Personal Note: “While I am working on the “Basic Design Elements”,  just another short story for my German readers about our Immigration to New Zealand in 1999. 

So, stay tuned and have a happy and wonderful day!”   Beate

 

Unser neues Leben am Ende der Welt – Neuseeland  9. Dezember 1999

Bin nun in die Massenproduktion von kleinen goldenen Nuss-Engelchen eingetreten. Vor  ein paar Tagen habe ich Marianne in ihrem kleinen Shop in Warkworth besucht und ihr meine Weihnachtsengelchen und Muschelgebilde gezeigt.  Sie war begeistert und hat vorgeschlagen, sie in ihrem shop zu verkaufen. Habe natuerlich dankend angenommen.

Ab nach Hause und die Produktion laeuft auf Hochtouren. Gerade hat meine Klebepistole den Geist aufgegeben. Sie war dieser Massenproduktion nicht gewachsen. Henry hat auch schon aufgegeben und  ist sang- und klanglos eingeschlafen. Vermutlich traeumt er nun von kleinen goldenen Engelchen, die um seinen Kopf flattern.

Um die Nuss-Engel in Spitze zu huellen (koennen ja schliesslich nicht nackt am Weihnachtsbaum haengen), habe ich mich im Hospiz-Shop nach weiss und rosa farbenen Negligees umgesehen. In diesem Shop werden alle Moebel, Kleider und  Haushaltsgegenstaende von Leuten zum Verkauf gespendet, und das Geld wird zur Fuehrung des Sterbehauses genutzt. Nicht, dass es in diesem Shop eine grosse Auswahl an Reizwaesche gaebe, aber hier und da bekommen sie mal eine derartige Spende zwischen anderen Textilien und die freiwilligen Helferdamen aus dem Seniorenheim lassen diese hinter den Kleidern, unten im  Regal, versteckt in einem Karton mit der kaum lesbaren Aufschrift „Lingerie“ verschwinden. Auf diese Weise sind die „verruchten“ Objekte nicht fuer jedermann sichtbar und bleiben vor allem vor unschuldigen Kinderaugen verborgen. Achtzig Prozent der Kunden koennen sich altersbedingt sowieso nicht mehr buecken und die anderen zwanzig Prozent sind nicht interessiert. Und dann kam ich!

Die alten Damen haben mich genauestens observiert, als ich unten ins Regal gekrochen bin, habe den Karton vorgezogen und alles auseinander gepflueckt. Ein wenig Getuschel hinter meinem Ruecken und die mitleidigen Blicke auf das arme Baby in meinem Kinderwagen konnten mich nicht daran hindern, alles auf dem Boden auszubreiten und in Ruhe meine Business-Entscheidungen zu treffen. Ich will ja schliesslich eine optimale Gewinnspanne erzielen bei meiner Engel-Produktion.

Nachdem andere Kunden um meinen diversen sortierten Waeschehaufen kopfschuettelnd und slalomartig ausweichen mussten, hat sich das Geh-Hilfegestell eines sehr interessierten aelteren Herrn in einem spitzenbesetzten Fummel verheddert und ich hatte auf dem Boden kriechend meine liebe Muehe, ihn aus diesen Fangarmen zu befreien.  Dann deutete eine juengere Frau in grauer Jogginghose und extrem zu engem T-Shirt mit zwei Dreijaehrigen (offensichtlich Zwillinge) im Schlepptau auf ein kleines rotes Nichts (aus meinem Stapel „Unmoeglich“) und meinte: „That one looks great!“.  Ich bedankte mich in gebrochenem English fuer die freundliche Unterstuetzung und sortierte weiter in meiner Kollektion.

Meine Guete! Die Damen haben mich vielleicht angerstarrt, als ich mit meinem Sortiment an  durchsichtigen „Dessous“ aus reinem  Polyester  zur Kasse kam. Weiss der Teufel, was sie gedacht haben. Vielleicht haben sie Business vermutet, aber auf eine Engel-Produktion waeren sie sicherlich nicht gekommen. Und dieses mal haben sie mir anstandshalber ihre Lieblingsfrage „what do you need it for?“ erspart. Eine adrette Achtzigjaehrige im gebluemten Sommerkleid mit rotem Guertel hat mir dann wissend zugezwinkert und die Waesche fein saeuberlich, in einer Art Zeremonie und fuer jeden in der Schlange hinter mir ersichtlich, gefaltet, jede Lage mit der Hand flachgestrichen und in einer eigens dafuer ausgewaehlten, gebrauchten, rosa Plastiktuete verstaut. Mit den Worten: „You go for it, Darling!“ (?!?) hat sie mir die zwei Dollar Wechselgeld in die Hand gedrueckt und meinem Baby Henry ein zustimmendes Kopfnicken angedeutet, was vermutlich soviel heisst wie: “Mach Dir keine Sorgen Kleiner, Dein Bruder ist bald in Bearbeitung“. Hm, whatever!  

Immerhin spare ich Geld, wenn ich die Spitze an diesen Teilen  abschneide und recycle (nach einer guten Waesche in meiner Monster-Maschine) anstatt sie per Meter neu zu kaufen. Ich muss auf jeden Fall den Break-Even-Point im Auge behalten, wofuer habe ich schliesslich Betriebswirtschaft studiert.

Nun habe ich genug verfuehrerische Spitze, um Tausende von Nussengelchen herzustellen (und Santa Claus zu bezirzen), aber leider nicht genug Nuesse. Nachdem ich  schon alle Wal- und Haselnuesse, alle Mandeln und Kastanien im Ort aufgekauft habe, wundert man sich sicher ueber unseren extremen Nuss-Konsum. Falls das Computersystem des Supermarktes mit  automatischer Lagerverwaltung, Umsatzwahrscheinlichkeitssanalyse  und elektronischer Nachbestellung bei Erreichen des Mindestbestandes ausgestattet ist, wird dort sicher bald ein ganzer Container von Nuessen aus aller Welt angeliefert.

Ach, ich traeume so vor mich hin (vielleicht Hausfrauen-Krise) und stelle mir vor, wie ich die ganze Welt mit Nussengelchen begluecke. Sie wuerden von Touristen nach China, Korea, Japan, Amerika, Alsaka und sogar auf die Osterinseln ausgefuehrt. Ich hoffe es jedenfalls, damit ich ein paar Dollar verdiene und das blosse Hausfrauen- und Mutter-Dasein ein Ende hat. Dann brauche ich mich auch nicht mehr mit der monstroesen Waschmaschine zu unterhalten und sie anzuflehen, keine Fusseln auf meiner Unterwaesche zu drapieren, waehrend  mein Mann auf der Baustelle in Albany arbeitet und dort wegen seines schwarzen, gezwirbelten Schnurrbarts als „the Mexican Plumber“ bestaunt wird.

Meine neueste Kreation ist ein Nussengel, der auf einer Muschel steht, selbsgefunden am Strand.  Habe voll die kreative Phase und kann vor Aufregung nachts nicht schlafen… 

Waehrend ich so durch die Negligees schneide und von einer himmlischen Karriere traeume, kommt mein lieber Mexikaner  von der Arbeit nach Hause und wundert sich, warum an der Tuerklinke zwanzig Engel haengen. Irgenwie ist das ganze Haus von goldenen Engeln bevoelkert und vor lauter Nuessen habe ich vergessen, etwas zum Abendessen zu kochen. Der falsche Mexikaner  hat sich gleich ueber meine Engelsproduktion lustig gemacht und gefragt: „Wer kauft denn sowas?“  Typisch Mann!   Irgendwann waehrend der letzten 12 Jahre unserer Beziehung muss er mal zu dem Schluss gekommen sein, dass ich eine kleine Neigung zur Uebertreibung habe, was ich wiederum ueberhaupt nicht nachvollziehen kann.  

Na, der wird sich noch wundern, wenn ich erstmal eine grosse Fabrik habe, in der 300 ausgebildete Arbeiter kleine Engel basteln, wenn ich viermal pro Jahr nach Suedamerika fliege, um die Qualitaetskontrolle auf meinen eigenen Nussplantagen vorzunehmen und  wenn ich einmal im Jahr zum Nordpol reise, um auf der internationalen Weihnachtsdekorations-Konferenz eine Rede zu halten.  Wenn die erste Million auf meinem Konto ist…. Henry schicke ich in ein Internat in der Schweiz (damit was aus ihm wird und er sieben Sprachen spricht, wenn er sein Abitur in der Tasche hat) … ich fliege ab und zu mit meinem Privatjet nach Deutschland, um meine „alten“  Freundinnen beim Kaffee zu ueberraschen… kaufe mir endlich das kleine Schwarze von Dior…. und mein Mann bekommt eine echt goldene Pumpenzange zu Weihnachten. Dann wollen wir mal sehen, wer da lacht! Dass es heute kein Abendessen gibt, fand er allerdings nicht so  lustig!

Bei improvisiertet Brotzeit (man ist ja flexible) habe ich Bernd die freudige Mitteilung gemacht,  dass die Spedition  unseren heiss ersehnten Container mit 2000 household goods am 21. Dezember (wie ein Weihnachtsgeschenk) in das von uns gemietete Lager nach Silverdale liefert. Wir hatten Glueck, dass die Behoerde offiziell auf eine Zollinspektion (die fuer uns auch noch kostenpflichtig gewesen waere) verzichtet hat. Wahrscheinlich waren sie von meinen ehrlichen Antworten in ihrem hunderseitigen Fragenkatalog beeindruckt, in dem ich freimuetig den Import von Heckenschere, Staubsauger (ohne Beutel) und Weihnachtsschmuck angekreuzt habe. Ich war auch schon in Silverdale und habe der netten Dame im Office bestaetigt, wann unser Container ankommt. Wir hatten in freudiger Erwartung das Lager schon ab 4. Dezember reserviert.

Und nun sitzen wir beim Abendbrot und sind mal wieder sehr beeindruckt, wie einfach hier Vieles gehandhabt wird.  Die Office-Dame vom Lager sagte, es sei kein Problem und wir muessen erst bezahlen, wenn wir den Raum tatsaechlich nutzen. Das nenne ich kulant! Vorbei sind die Zeiten „Vertrag ist Vertrag und die Miete ist im Voraus faellig!“ – Das liebe ich an diesem Land!

 

Fortsetzung folgt…

Beate Minderjahn

 

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