Guten Morgen!

8 Jul

Fuersorglich betrete ich das kleine Zimmer meines lieben Sohnes, dessen 16. Geburtstag kurz vor der Tuere steht. “Guten morgen – aufstehen… Was fuer ein schoener Tag. Die Sonne scheint und du musst raus aus den Federn.“

Whemuetig erinnere ich mich an die Zeiten, als wir zusammen auf dem Fussboden sassen und aus Millionen kleiner Legoteile Flugzeuge bauten, die dann alle nebeneinander aufgereiht wurden, um das regelmaessige Staubsaugen zu verhindern.

„Hallo, aufstehen! Es ist Zeit, Du kleines Maennlein.“ („Kleines Maennlein“ ist sicherlich nicht mehr agenbracht, da er sein kleines Muetterlein schon fast um einen ganzen Kopf ueberragt). Aber ich erlaube mir dieses „kleine Maennlein“, da er es im Halbschlaf nicht wirklich wahr nimmt. Bei vollem Bewusstsein findet er es total bloed! Aber es fuellt mein muetterliches Herz mit warmer Romantik an vergangene Zeiten.

„Halloeschen – aufstehen – sonst kommst du zu spaet zur Schule“ Um das Beenden der dritten Traumphase so sanft wie moeglich zu gestalten, verleihe ich meiner Stimme einen liebevoll fluesternden Ton.

Da – ein Hauch von Bewegung, der Kopf dreht sich zur Seite, die Augen fest verschlossen. Ich ziehe an der Bettdecke und frage dieses Maennlein, ob es mich hoeren kann. Ein zaghaftes Zucken mit immer noch fest verschlossenen Augen. Ich entschwinde aus dem Zimmer in der Hoffnung, dass die kleinen Aeuglein sich dem noch abgedunkelten Raumlicht anpassen und sich wie kleine Blueten langsam oeffnen.

Waehrenddessen gehe ich in die Kueche und mache Kaffee und vertraue auf das morgendliche Aufbluehen einer kleinen Seele zur Vorbereitung auf einen wundervollen Tag.

Ich lausche, aber noch hoere ich nichts aus dem gemuetlichen Zimmer, auf dessen Fussboden wir vor vielen Jahren 138 meter Holzschienen verlegten und die alte Eisenbahn unters Bett fahren liessen um einen Tunneleffekt zu erzielen.

Besser sehe ich noch mal nach und beim Betreten des Kinderzimmers schalte ich das Licht an. Diese eingelassenen Halogendeckenleuchten erzeugen nicht gerade wohnliches Ambiente. Sie sind eher zur Bestrahlung von chemischen Versuchen im Reagenzglas geeignet oder zur Untersuchung unserer koeniglichen Katze auf die Anweseneit von Floehen in ihrem kuscheligen, langhaarigen schwarzen Fell.

Ich sehe schon, dieses Kind ruehrt sich nicht. „Aufstehen, es wird Zeit, Du musst  zur Schule, sonst kommst Du zu spaet. Hallo, bist Du wach? Hallo, aufstehen!!!!“ Meine Stimme ist nun auf normale Innenraumlautstaerke eingestellt. Der Kopf bewegt sich und das eine Auge oeffnet sich einen Spalt. Die Scheinwerfer blenden und um der Erblindung vorzubeugen schliesst sich das kleine Lid wieder wie eine Muschel im Meer, wenn sie Gefahr wittert.

In der Kueche gurgelt die Kaffeemaschine. Sie zischt und donnert, sprueht Wasserdampf durch alle Ritzen und laesst mich in dem Glauben, dass sie jeden Moment explodiert. Ich nehme sie nicht ernst. Mein wohlverdienter morgendlicher Kaffee in der weissen Tasse mit der Aufschrift „Best Mum ever“ und einem grossen Schuss Milch (wegen der Farbe) gibt mir die noetige Energie, um meine Mission zu vollenden.

„Kannst Du jetzt aufstehen?“, meine Stimme wird lauter beim Betreten des ex-Kinderzimmers, dessen suesse Pastelfarben vor zwei Jahren einem dunkleren Farbschema weichen mussten. Beim Anblick der Waende, die nun mit Computergame Postern und Energydrink Stickern gepflastert sind, oeffne ich die Rollaeden und die Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg zum Bett. Da rettet sich Drakula mit einem lauten Stoehnen unter die Bettdecke.

„Was soll denn das? Kannst Du Dich jetzt endlich aufraffen? Du musst ganz schnell duschen, es ist schon spaet, sonst hast Du keine Zeit zum Essen und kommst zu spaet in die Schule“. Ich haette das nun easy weiter ausfuehren koennen und ihn auf die Konsequenzen hinweisen, dass wenn man keine Zeit zum essen hat, wird man den ganzen Tag grantig sein, man verkracht sich mit seinen Freunden, wird aus der Clique ausgestossen, fuehlt sich schlecht, bekommt mehr Pickel. Man verpatzt den Mathetest, dessen Note sich im Zeugnis widerspiegelt, bei dessen Anblick sich die Eltern verpflichtet fueheln, eine Moralpredigt zu halten.und die geplante Taschengelderhohung bis auf weiteres zu streichen. Aber all das habe ich natuerlich nur gedacht und nicht gesagt, da diese Teenager sowieso alles besser wissen.

Eine zweite Tasse Kaffee laesst mich wieder in diesen jugendlichen Saustall einmarschieren, in dem wir vor vielen Jahren die Ritterburg von Playmobil mit Waenden aus alten Kartons vergroesserten, weil wir nicht genug Teile hatten.

Ich fuehle mich wie die Walkuere vor der Schlacht und wuensche, ich haette ein Pferd. Stattdessen stampfe ich beim Einmarsch auf dem Fussboden in der Hoffnung, dass Dracula von einem Schein-Erdbeben zur Auferstehung gezwungen wird. Fehlschlag!

Mit erhoehtem Blutdruck und erhobener Stimme (sorry, Nachbar!), drohe ich diesem halbwuechsigen Ignoranten: „Wenn Du jetzt nicht aufstehst, gibt es am Freitag kein Sleepover, Dein Telefon Top up kannst Du vergessen, die Geburtstagsparty faellt aus und das Internet wird fuer immer abgemeldet.“ Da ploetzlich blinken mich zwei schmale Augen an und ein schmerzverzerrtes Gesicht graebt sich aus der Decke. Die koenigliche 8kg Katze schreitet ein und schleppt sich aufs Bett. Ich ueberlasse ihr das Schlachtfeld. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass wenn man sehr boese wird soll man den Raum verlassen.

Noch ein Taesschen Kaffee. Bin mit meinem Latein am Ende. Wie kann ich denn diesen jugendlichen Hallodri aus seinem Bett reissen, damit er rechtzeitig zur Schule kommt? Da bleibt nur eins: Ich nehme das Telefon, waehle seine Handy-Nummer und schneller als erwartet hoere ich das vorwurfsvolle „Mensch, Mama!“ aus dem chaotisch unordentlichen Nebenzimmer, das dringend einer Grundreinigung bedarf.

Nicht gerade beeindruckt vom neuesten Trick seiner Mutter, hoere ich ihn holpern und poltern. Buecher fallen vom Nachtisch, die Katze kommt mit eingezogenem Schwanz um die Ecke gerast, Schrank auf, Schrank zu, Schublade auf, Schublade zu, lautes Murren, Meckern, Mosern…

Mit der Kaffetasse in der Hand lasse ich die ganze Litanei ueber mich ergehen: „Jetzt habe ich keine Zeit mehr zum essen! Wo sind meine Socken? Ist meine Schuluniform gewaschen? Das Wasser ist zu kalt, die Zahnbuerste zu hart, das Klopapier verschwunden! Wo sind meine Schuhe? Hast Du meinen Fahrradhelm gesehen? Ich komme zu spaet und heute habe ich einen Mathe Test! Wieso hast Du mich nicht frueher geweckt?????“

Ich nehme noch einen Schluck aus meiner Muttertagstasse und freue mich auf die Schulferien!

Beate

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