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18.) Alles easy…!

12 Dec

Unser neues Leben am Ende der Welt – Neuseeland  10. Dezember 1999

Heute morgen habe ich meine Massenproduktion an Engeln, muschelbesetzten Bilderrahmen und glitzernden Seeschlangen in einen Koffer gepackt und mit Henry zu Mariannes Shop nach Warkworth gebracht. Sie war begeistert und hat die Souvenirs gleich in ihrem Schaufenster drapiert. Jetzt muessen wir nur noch auf die Touristenbusse aus  Taiwan und Hong Kong warten…

Hier in Neuseeland scheint alles so easy, unkompliziert,  super  freundlich, hilfsbereit und scheinbar ohne Hektik zu sein! Wenn die Leute im Postamt bis zur Tuere Schlange stehen, nutzen sie die Gelegenheit fuer ein Schwaetzchen mit dem Vorder- oder Hintermann (oder –frau). Niemand scheint sich darueber aufzuregen. Geduldig wartet man bis man an der Reihe ist und die Dame von der Post freundlich fragt: “How was your day so far?“ Bin mir noch nicht sicher, ob sie wirklich wissen will, was man schon alles gemacht hat, bevor man zum Postamt gekommen ist oder ob es eine trainierte Freundlichkeitsfloskel ist, die einem suggerieren soll, dass jeder Kunde wichtig ist.

Das erinnert mich wiederum an meine Jugend und die Ausbildung zur Postbeamtin am Schalter fuer benachrichtigte Briefsendungen im Hauptpostamt Koeln. Da sassen wir hinter kugelsicherem Glas (aus gutem Grund!).  Die Kunden in den mehreren parallelen, bis zur Eingangstuere reichenden Schlangen bestanden hauptsaechlich aus Sozialhilfe- und Arbeitslosengeldempfaengern,  Adressaten von Gerichts-Zustellungsurkunden oder sonstigen unerfreulichen, amtlichen  Behoerdenschriftstuecken, die einer besonderen, persoenlichen Aushaendigung gegen Vorlage eines gueltigen Personalausweises bedurften. (Beamtendeutsch – hatte schon fast vergessen, wie sich das anhoert!) Ab und zu war ein Rentner dazwischen, der gerade beim Caritas Kaffeekraenzchen war, als der Brieftraeger vergeblich versuchte, ein anonymes Paeckchen von Beate Uhse zuzustellen. Wenn sich die Postkunden innerhalb der Schlangen erstmal gegenseitig aufgewiegelt und sich darueber geeinigt hatten , dass es eine Zumutung ist, seine  staatliche Unterstuetzung beim Postamt abholen zu  muessen, da man ueberhaupt keine Zeit dafuer hat, weil man definitiv „was besseres zu tun hat“….  –  und wenn sich dann einer von uns staatlich vereidigten  mit Bundesadler beurkundeten Postbeamten im mittleren Dienst erlaubte, nach 7 Stunden BBS (Beschimpfungs- und Beschwerden Schicht) sein Plastikschild „voruebergehend geschlossen“ rauszustellen, um eine wohlverdiente Tasse Kaffee zu trinken in der von der deutschen Postgewerkschaft heiss erkaempften 15 Minuten-Pause, ja dann war die Revolution kurz vor dem Ausbruch und der Sturm auf die Bastille unabwendbar. Und wir waren heilfroh, dass unsere Schalter  Panzerglas gesichert waren!  Und der jenige von uns, der mit seiner Thermoskanne im staubigen Hinterzimmer zwischen grauen Saecken voller Behoerdenpost und Tuermen aus gestapelten Paeckchen von anonymen Versendern sass, traeumte  von der idealen, heilen Welt, in der sich alle Leute gut verstehen, geduldig sind, sich gegenseitig freundlich und respektvoll behandeln und von einem Arbeitsplatz, wo man nicht waehrend seiner amtlichen Pflichterfuellung beschimpft und bedroht wird!

Und da ich von Natur aus ein humorvoller Mensch bin, habe ich mir eines Tages erlaubt, ein winziges Papierschild in meinen Schalter zu haengen (just for fun!), das einen skizierten Gorillakopf mit den Worten: „Wir lieben Sonderwuensche!“ zeigte. Auf diese Weise wurde ich schon im zweiten Ausbildungsjahr mit einem hochofiziellen Eintrag in die Personalakte belohnt, weil sich eine aeltere Dame bereits innerhalb der ersten Stunde meines Aushangs persoenlich beleidigt fuehlte und umgehend das Oberpostministerium informierte! Die Entscheidung, gleich nach „erfolgreichem Abschluss“ meiner humorlosen Ausbildung einen neuen Karrierepfad einzuschlagen, ist mir nicht schwer gefallen!

Und hier bin ich nun mittendrin in der kleinen, heilen Welt, von der ich 1979 hinter schusssicherem Glas im Koelner Postamt getraeumt hatte:   Postamt Orewa in Neuseeland – Henry im Kinderwagen, Schlange bis zur Tuere raus und friedvoll  nutze ich die Zeit, mir in gebrochenem Englisch eine Kurzfassung meines bisherigen Tagesablaufs zurechtzulegen, um die Dame am Postschalter nicht zu enttaeuschen, wenn sie mich fragt, „…and how was your day so far?“

Auch im Cafe um die Ecke wird der Italienische Capuccino, einer nach dem anderen,  liebevoll und geduldig zubereitet. Ohne Stress wird die  bis zur Bauschaum-Konsistenz turbo-aufgeschaeumte Milch mit einem winzigen Loeffelchen in der Tasse zu einem Turm drapiert.  Nach einer Weile ist es nicht mehr peinlich , wenn 27 Leute hinter einem an der Kasse warten. Nein, man gewoehnt sich daran und freut sich darueber, dass keiner schimpft, sonderm mit offenem Mund die Loeffelchen mitzaehlt, bis der weisse Turm auf der Kaffetasse an Antoni Gaudis architektonische Meisterwerke  in Madrid erinnern.  Und dann darf man sich auch noch aussuchen, ob  man Kakaopuder oder Zimt draufgestreut haben moechte. Zur Steigerung der ganzen Zeremonie wird das Pulver anhand einer Schablone als florales Ornament auf dem weissen Turm dekoriert. Es kostet schon etwas Ueberwindung, das ganze Art-Gebilde mit einem Schluck zu zerstoeren und die Fragmente mit der Serviette von Nasenspitze und Kinn zu entfernen.   Das ist Kaffee, den man einfach geniessen muss, auch wenn man ihn vor lauter Schaum und Dekoration in der Tasse kaum findet. Wenn man ihn dann endlich erreicht, ist er so stark, dass er den gesamten Herzrhytmus aus der Bahn wirft. Das legt sich wiederum nach  einer halben Stunde und sobald sich der Herzmuskel wieder entspannt hat, kann man extrem energie-beladen und wie ein batterie-betriebenes rosa Plueschkaninchen weiter seinen Shopping-Aktivitaeten nachgehen.

Mit dem Autofahren klappt es inzwischen auch ganz gut. Mir ist allerdings aufgefallen, dass ueberall die Strassenmarkierungen erneuert werden. Hoffentlich nicht wegen mir!!!

Ab und zu eier ich mal zu weit nach links ins Gruene oder mache einen kleinen Abstecher auf die Gegenfahrbahn. Aber hier ist ja nicht so viel Verkehr, da faellt es kaum auf. Das Ueberschreiten der Mittellinie zur Gegenfahrbahn ist mir persoenlich lieber als das Ausweichen ins Gruene, weil die Abgruende auf der linken Seite oft ins Nichts oder gegen Unendlich gehen und manchmal  schon einen Meter neben der Fahrbahn anfangen. Besonders, wenn ich von Orewa nach Warkworth fahre,  muss ich mich beim Lenken einfach ein bisschen mehr beherrschen.  Auf Supermarkt Parkplaetzen, wenn ich mich  im Geiste noch mal auf meine Einkaufsliste besinne, fahre ich auch schon mal auf der falschen Seite. Aber dann kommt mir immer ein hoeflicher „Geisterfahrer“ entgegen und winkt mich wieder auf die richtige Bahn. Hupen und Schimpfen ist nicht ueblich! Bei meiner gestrigen Tour nach Albany standen ploetzlich ein paar junge Leute links und rechts an der Fahrbahn und winkten mit Taschentuechern. Huch, dachte ich, sind die aber freundlich, jetzt winken sie uns schon zum Empfang.  Aber ein Stueck weiter umfuhren wir den Grund des Winkens. Hier waren sich auch zwei Fahrer nicht einig gewesen, wer von ihnen der Geisterfahrer ist.

Heute nachmittg war ich mit Henry noch bei der Kinderaerztin. Sie war sehr nett und Henry war ein Musterkind. Als sie sein kleines Organ, das ihn von einem Maedchen unterscheidet, untersuchte, hat er laut gelacht!?! Das hat er auch schon selbst als sehr interessantes Spielzeug entdeckt. Jedesmal, wenn ich ihm die Windel wechsele schnappt er sich das Objekt der Begierde mit der llinken Hand, zieht daran und versucht es in seinen Mund zu stecken. Gott sei dank ist die Flexibilitaet und Elastizitaet bestimmter Koerperteile begrenzt und es kommt nicht soweit. Auf diese Art und Weise habe ich aber auch festgestellt, dass Henry (jetzt 5 Monate alt und 7.8kg schwer) vermutlich Linkshaender ist.  Ich hatte keine Ahnung, dass man das schon so frueh sehen kann, aber meine mehr erfahrene Freundin, die vier Kinder hat, nannte mir einen guten Trick, um das rauszufinden. „Halte einfach seine linke Hand fest und sieh, ober er mit der Rechten danach greift????“ Der Test hoerte sich gut an, taugte aber nichts in der Praxis. Als ich eines morgens vor dem Anziehen Henrys linke Hand festhielt, hat er einfach nach rechts aufs Bett gepinkeltl! Soviel zu Theorie und Praxis und Links- oder Rechtshaendern. Wieso wird ein Kind Linkshaender, wenn beide Eltern Rechtshaender sind?  

Zum Abschluss unseres Tages haben wir Sushi gekauft, und es fasziniert mich immer wieder, wie die Japaner den Reis so klebrig machen. Ist auch erstaunlich, was die da so alles reinrollen:  Avocado, Lachs, Huehnchen (natuerlich keine ganzen!), Spargel, Krabben, Gemuese etc. – und das haelt bombenfest!  Dann muss man versuchen, das Roellchen einigermassen elegant mit zwei Holzstaebchen zuerst in die Soya Sauce zu tunken und dann geschickt „into the mouth“ zu jonglieren. Die Suhi Roellchen, die waehrend dieser akrobatischen Versuche unter den Tisch fallen, darf man mit den Fingern wieder aufheben.  Immer offen fuer Neues, habe ich eins der klebrigen Roellchen meisterhaft mit dem Holzwerkzeug in die mitgelieferte, noch gruenere Paste (etwas geizig in der Menge…) getunkt und elegant versucht, ein kleines Haeppchen abzubeissen. Hatte keine Ahnung, was das fuer ein gruenes Teufelszeug ist! Nach 10 Minuten Atemstillstand, Wasserausbruch aus Augen, Nase und anderen Koerperoeffnungen sowie Verbrennungen dritten Grades auf der Zunge und Aetzwunden an der Oberlippe, kam ich wieder zur Besinnung. Einmal zur Hoelle und zurueck! Ich bin mir sicher,  dass man mit dem Zeug auch Rostflecken am Auto entfernen oder Loecher in Eisentraeger brennen kann. Noch sicherer bin ich,  dass ich nie wieder Herpes an der Lippe haben werde. Und falls mein Mund jemals verheilt werde ich beim naechsten Sushi Einkauf dankend ablehnen, wenn mir mit einer freundlicher Geste aus dem Land des Laechelns WASABI angeboten wird!

 

Fortsetzung folgt…

Beate Minderjahn

 

Personal Note:  At least it is summer in New Zealand now, my son Henry graduated from Primary school on Friday, my Kids Christmas craft workshops will finish next week, I have organised my Holiday Art & Craft programme for January and after one more busy week I will soon have some time to prepare for Christmas with my family.  I am really looking forward to go to the beach with Henry,  going for long walks, starting my goal setting and planning for 2011 and just relaxing and enjoying the sunshine, BBQ and a glass of wine from time to time. 

Yesterday morning I went to the beach with my camera and I realised again, how lucky I am to live here: 

 

 

 

 

 

 

 

So, stay tuned and have a happy and wonderful day!”   Beate

 

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17.) Goldene Engel…!

28 Oct

 

Personal Note: “While I am working on the “Basic Design Elements”,  just another short story for my German readers about our Immigration to New Zealand in 1999. 

So, stay tuned and have a happy and wonderful day!”   Beate

 

Unser neues Leben am Ende der Welt – Neuseeland  9. Dezember 1999

Bin nun in die Massenproduktion von kleinen goldenen Nuss-Engelchen eingetreten. Vor  ein paar Tagen habe ich Marianne in ihrem kleinen Shop in Warkworth besucht und ihr meine Weihnachtsengelchen und Muschelgebilde gezeigt.  Sie war begeistert und hat vorgeschlagen, sie in ihrem shop zu verkaufen. Habe natuerlich dankend angenommen.

Ab nach Hause und die Produktion laeuft auf Hochtouren. Gerade hat meine Klebepistole den Geist aufgegeben. Sie war dieser Massenproduktion nicht gewachsen. Henry hat auch schon aufgegeben und  ist sang- und klanglos eingeschlafen. Vermutlich traeumt er nun von kleinen goldenen Engelchen, die um seinen Kopf flattern.

Um die Nuss-Engel in Spitze zu huellen (koennen ja schliesslich nicht nackt am Weihnachtsbaum haengen), habe ich mich im Hospiz-Shop nach weiss und rosa farbenen Negligees umgesehen. In diesem Shop werden alle Moebel, Kleider und  Haushaltsgegenstaende von Leuten zum Verkauf gespendet, und das Geld wird zur Fuehrung des Sterbehauses genutzt. Nicht, dass es in diesem Shop eine grosse Auswahl an Reizwaesche gaebe, aber hier und da bekommen sie mal eine derartige Spende zwischen anderen Textilien und die freiwilligen Helferdamen aus dem Seniorenheim lassen diese hinter den Kleidern, unten im  Regal, versteckt in einem Karton mit der kaum lesbaren Aufschrift „Lingerie“ verschwinden. Auf diese Weise sind die „verruchten“ Objekte nicht fuer jedermann sichtbar und bleiben vor allem vor unschuldigen Kinderaugen verborgen. Achtzig Prozent der Kunden koennen sich altersbedingt sowieso nicht mehr buecken und die anderen zwanzig Prozent sind nicht interessiert. Und dann kam ich!

Die alten Damen haben mich genauestens observiert, als ich unten ins Regal gekrochen bin, habe den Karton vorgezogen und alles auseinander gepflueckt. Ein wenig Getuschel hinter meinem Ruecken und die mitleidigen Blicke auf das arme Baby in meinem Kinderwagen konnten mich nicht daran hindern, alles auf dem Boden auszubreiten und in Ruhe meine Business-Entscheidungen zu treffen. Ich will ja schliesslich eine optimale Gewinnspanne erzielen bei meiner Engel-Produktion.

Nachdem andere Kunden um meinen diversen sortierten Waeschehaufen kopfschuettelnd und slalomartig ausweichen mussten, hat sich das Geh-Hilfegestell eines sehr interessierten aelteren Herrn in einem spitzenbesetzten Fummel verheddert und ich hatte auf dem Boden kriechend meine liebe Muehe, ihn aus diesen Fangarmen zu befreien.  Dann deutete eine juengere Frau in grauer Jogginghose und extrem zu engem T-Shirt mit zwei Dreijaehrigen (offensichtlich Zwillinge) im Schlepptau auf ein kleines rotes Nichts (aus meinem Stapel „Unmoeglich“) und meinte: „That one looks great!“.  Ich bedankte mich in gebrochenem English fuer die freundliche Unterstuetzung und sortierte weiter in meiner Kollektion.

Meine Guete! Die Damen haben mich vielleicht angerstarrt, als ich mit meinem Sortiment an  durchsichtigen „Dessous“ aus reinem  Polyester  zur Kasse kam. Weiss der Teufel, was sie gedacht haben. Vielleicht haben sie Business vermutet, aber auf eine Engel-Produktion waeren sie sicherlich nicht gekommen. Und dieses mal haben sie mir anstandshalber ihre Lieblingsfrage „what do you need it for?“ erspart. Eine adrette Achtzigjaehrige im gebluemten Sommerkleid mit rotem Guertel hat mir dann wissend zugezwinkert und die Waesche fein saeuberlich, in einer Art Zeremonie und fuer jeden in der Schlange hinter mir ersichtlich, gefaltet, jede Lage mit der Hand flachgestrichen und in einer eigens dafuer ausgewaehlten, gebrauchten, rosa Plastiktuete verstaut. Mit den Worten: „You go for it, Darling!“ (?!?) hat sie mir die zwei Dollar Wechselgeld in die Hand gedrueckt und meinem Baby Henry ein zustimmendes Kopfnicken angedeutet, was vermutlich soviel heisst wie: “Mach Dir keine Sorgen Kleiner, Dein Bruder ist bald in Bearbeitung“. Hm, whatever!  

Immerhin spare ich Geld, wenn ich die Spitze an diesen Teilen  abschneide und recycle (nach einer guten Waesche in meiner Monster-Maschine) anstatt sie per Meter neu zu kaufen. Ich muss auf jeden Fall den Break-Even-Point im Auge behalten, wofuer habe ich schliesslich Betriebswirtschaft studiert.

Nun habe ich genug verfuehrerische Spitze, um Tausende von Nussengelchen herzustellen (und Santa Claus zu bezirzen), aber leider nicht genug Nuesse. Nachdem ich  schon alle Wal- und Haselnuesse, alle Mandeln und Kastanien im Ort aufgekauft habe, wundert man sich sicher ueber unseren extremen Nuss-Konsum. Falls das Computersystem des Supermarktes mit  automatischer Lagerverwaltung, Umsatzwahrscheinlichkeitssanalyse  und elektronischer Nachbestellung bei Erreichen des Mindestbestandes ausgestattet ist, wird dort sicher bald ein ganzer Container von Nuessen aus aller Welt angeliefert.

Ach, ich traeume so vor mich hin (vielleicht Hausfrauen-Krise) und stelle mir vor, wie ich die ganze Welt mit Nussengelchen begluecke. Sie wuerden von Touristen nach China, Korea, Japan, Amerika, Alsaka und sogar auf die Osterinseln ausgefuehrt. Ich hoffe es jedenfalls, damit ich ein paar Dollar verdiene und das blosse Hausfrauen- und Mutter-Dasein ein Ende hat. Dann brauche ich mich auch nicht mehr mit der monstroesen Waschmaschine zu unterhalten und sie anzuflehen, keine Fusseln auf meiner Unterwaesche zu drapieren, waehrend  mein Mann auf der Baustelle in Albany arbeitet und dort wegen seines schwarzen, gezwirbelten Schnurrbarts als „the Mexican Plumber“ bestaunt wird.

Meine neueste Kreation ist ein Nussengel, der auf einer Muschel steht, selbsgefunden am Strand.  Habe voll die kreative Phase und kann vor Aufregung nachts nicht schlafen… 

Waehrend ich so durch die Negligees schneide und von einer himmlischen Karriere traeume, kommt mein lieber Mexikaner  von der Arbeit nach Hause und wundert sich, warum an der Tuerklinke zwanzig Engel haengen. Irgenwie ist das ganze Haus von goldenen Engeln bevoelkert und vor lauter Nuessen habe ich vergessen, etwas zum Abendessen zu kochen. Der falsche Mexikaner  hat sich gleich ueber meine Engelsproduktion lustig gemacht und gefragt: „Wer kauft denn sowas?“  Typisch Mann!   Irgendwann waehrend der letzten 12 Jahre unserer Beziehung muss er mal zu dem Schluss gekommen sein, dass ich eine kleine Neigung zur Uebertreibung habe, was ich wiederum ueberhaupt nicht nachvollziehen kann.  

Na, der wird sich noch wundern, wenn ich erstmal eine grosse Fabrik habe, in der 300 ausgebildete Arbeiter kleine Engel basteln, wenn ich viermal pro Jahr nach Suedamerika fliege, um die Qualitaetskontrolle auf meinen eigenen Nussplantagen vorzunehmen und  wenn ich einmal im Jahr zum Nordpol reise, um auf der internationalen Weihnachtsdekorations-Konferenz eine Rede zu halten.  Wenn die erste Million auf meinem Konto ist…. Henry schicke ich in ein Internat in der Schweiz (damit was aus ihm wird und er sieben Sprachen spricht, wenn er sein Abitur in der Tasche hat) … ich fliege ab und zu mit meinem Privatjet nach Deutschland, um meine „alten“  Freundinnen beim Kaffee zu ueberraschen… kaufe mir endlich das kleine Schwarze von Dior…. und mein Mann bekommt eine echt goldene Pumpenzange zu Weihnachten. Dann wollen wir mal sehen, wer da lacht! Dass es heute kein Abendessen gibt, fand er allerdings nicht so  lustig!

Bei improvisiertet Brotzeit (man ist ja flexible) habe ich Bernd die freudige Mitteilung gemacht,  dass die Spedition  unseren heiss ersehnten Container mit 2000 household goods am 21. Dezember (wie ein Weihnachtsgeschenk) in das von uns gemietete Lager nach Silverdale liefert. Wir hatten Glueck, dass die Behoerde offiziell auf eine Zollinspektion (die fuer uns auch noch kostenpflichtig gewesen waere) verzichtet hat. Wahrscheinlich waren sie von meinen ehrlichen Antworten in ihrem hunderseitigen Fragenkatalog beeindruckt, in dem ich freimuetig den Import von Heckenschere, Staubsauger (ohne Beutel) und Weihnachtsschmuck angekreuzt habe. Ich war auch schon in Silverdale und habe der netten Dame im Office bestaetigt, wann unser Container ankommt. Wir hatten in freudiger Erwartung das Lager schon ab 4. Dezember reserviert.

Und nun sitzen wir beim Abendbrot und sind mal wieder sehr beeindruckt, wie einfach hier Vieles gehandhabt wird.  Die Office-Dame vom Lager sagte, es sei kein Problem und wir muessen erst bezahlen, wenn wir den Raum tatsaechlich nutzen. Das nenne ich kulant! Vorbei sind die Zeiten „Vertrag ist Vertrag und die Miete ist im Voraus faellig!“ – Das liebe ich an diesem Land!

 

Fortsetzung folgt…

Beate Minderjahn

 

16.) Kunst-Studium…!

21 Oct

Unser neues Leben am Ende der Welt – Neuseeland  30. November 1999

Am Sonntag musste ich meinen lieben Mann eine Stunde dazu ueberreden, mit uns eine Kunstausstellung zu besuchen. Man will sich ja schliesslich nicht den kulturellen Ereignissen verschliessen in der neuen Heimat. Etwa 15 km von hier gibt es eine Kunstschule, die regelmaessig mit einer Ausstellung (Tag der offenen Tuer) wirbt und dass ihr Kunststudium jetzt ofiziell anerkannt wird. Seit Wochen habe ich die ausgeschnittene Annonce am Kuehlschrank haengen, damit ich dieses Ereignis nicht verpasse, welches vielleicht meine gesamte zukuenftige „Karriere“ beeinflussen koennte. Bernd konnte ich nur damit koedern, dass er im Gegenzug morgens lange schlafen kann. Als wir dann endlich am fruehen Nachmittag alles inklusive Kind und Kegel und Kinderwagen eingepackt hatten, hoerte es sogar fuer einen Moment auf zu regnen und wir fuhren los. Erst auf der Schnellstrasse Richtung Norden, dann bis zu einem grossen Hinweisschild „ Art-and Craft School“. Wenn man das Schild sieht, ist es auch schon zu spaet zum Bremsen, sonst hat man mindestens zwei Fahrzeuge hinter sich im Kofferraum verknotet. Also weiter bis zur nachsten Wendegelegenheit, eine halbe Stunde warten bis die Strasse frei ist und dann wieder in die andere Richtung. Kurze Vollbremsung vor der Einfahrt und weiter geht es durch den Matsch. Das ganze Gelaende besteht aus Busch, Farn, Palmen, Schlingpflanzen, Moos, Gras, Wald und Wiesen. Auf einem einspurigen Schotterweg faehrt man bis zu einer voellig unbefestigten Bruecke ueber einem reissenden Fluss und dann weiter den Berg hinauf ins Niemandsland.

Und siehe da, mitten im Gebuesch befinden sich zwei Bretterbuden, an denen granz gross die Kunstausstellung angepriesen wird. Ist bestimmt eine kuenstlerische Herausforderung, die Werke in Bezug zur Natur zu repraesentieren. Hatte mir gestern fuer $19.95 eine paar neue Schuhe (schwarz, offen, hoher Absatz) gekauft, die ich heute zur Feier des Tages einweihte (besser gesagt: einweichte). Nachdem wir den schlafenden Henry mit seinem Kindersitz aus dem Auto geschaelt haben und ein Platzregen auf uns nieder ging, mussten wir den Schotterweg unter Lebensgefahr (wegen meiner neuen hohen Schuhe) wieder ein Stueck hinunter laufen.

In der ersten Bretterbude hingen sie nun, die lang angepriesenen Kunstwerke: Oil on Canvas, Acrylic on board, Pottery, Skulpturen, Schmuckdesign,  Holz- und Tonfiguren, Collagen und mondaene Drahtgebilde. Am Eingang drueckte man uns eine Nummern- und Kuenstlerliste mit Preisangaben in die Hand.  Mit dem Gedanken im Hintergrund, hier vielleicht ein Kunststudium zu absolvieren, beaeugte ich kritisch die einzelnen Werke.  Manche erinnerten and die Malerei  wildgewordene Kindergartenkinder, denen mittten im Malen die Farbe ausging, die Tonwerke haeetten meines Erachtens ebenfalls abstrakte Studien aus dem Kindergarten sein koennen, die von den Kleinen mit ein paar gekonnten Patschehaendchengriffen erzeugt wurden. Den Slulpturen aus Stein war ihre Intention weder zu entlocken noch mit viel Phantasie zu erahnen. Die Muehe, die Kunstwerke zu interpretieren hat sich nur Henry gemacht, der zwischenzeitlich aufwachte und interessiert aus dem Kinderwagen schaute. Dann hat er mal laut in die Runde gegaehnt, einen eleganten Pupser abgeschickt und weitergeschlafen. Das einzige Stuedck in der Schmuckvirtrine, das mich tatsaechlich beeindruckte, war ein Metallring, auf dem zur Verzierung ein nach vorne und hinten stark ausgepraegter nagelaehnlicher Pfeil aufgeschweisst war. Und, man glaubt es kaum, auch noch einer, der nach oben zeigt. Dieser Ring hatte etwas Besonderes und etwas Praktisches. Er schuetzt vor Vampiren und Triebtaetern, man koennte damit feindliche Autoreifen zerstechen, Milchdosen oeffnen, einaeugigen Banditen das zweite Auge ausstechen oder kleine  Sushi Haeppchen servieren. Da habe ich natuerlich mal schnell auf die Preisliste geschielt, aber leider stand dort nur  „nfs“. Ich schloss daraus, „not for sale“  und verliess enttaeuscht die Ausstellungsbude. In die Zweite wollte Bernd schon nicht mehr mit hinein (Kulturbanause!) und blieb mit Henry im Wald stehen, um eine Zigarette zu Rauchen.  Also ging ich alleine weiter und waere in der Huette um ein Haar mit meinen High Heels in einer Pfuetze ausgerutscht. Es regnete an mehreren Stellen durch und die Erfindung des Eimers ist noch nicht bis hier gedrungen (oder Eimer werden hier fuer „andere Geschaefte“ gebraucht). Haette mir fast im Namen der Kunst den Hals gebrochen, ist aber gerade nochmal gut gegangen. Doch dann hat mir die Collage einer Kuenstlerin besonders imponiert. Sie hatte vermutlich aus dem Nachlass ihrer Grossmutter drei Handtaschen gewaehlt und diese fein saeuberlich in Reih und Glied auf einer grossen Holzplatte befestigt, das gesamte Werk weiss angepinselt und fertig! Die Idee koennte mich inspirieren und zu weiteren Mixed Media Collagen anregen (drei weisse Tarantulas auf Holzbrett…)

 

Hoeflicherweise haben Bernd und ich die kuenstlerische Diskussion erst bei der Rueckkehr zum Auto gestartet (man weiss ja nie, ob einer Deutsch versteht) und waren uns einig: Uns fehlt einfach das Vestaendnis und die tiefere Empfindungsfaehigkeit fuer diese moderne Kunst und ihre Auslaeufer. Natuerlich sind das nur rein subjektive Ansichten, und als absoluter Fan von abstrakter Kunst und in Anbetracht einer geplanten, ernsthaften Karriere als Kuenstler, erlaube ich mir diese persoenliche Bewertung.  Und dann war ich mir nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee ist, dort (im Gebuesch) ein dreijaehriges Kunststudium (bei Regen in der Bretterbude) zu absolvieren. Aber vielleicht koennte ich damit im Ausland gross auftrumpfen: „Dreijaehriges Kunststudium in Neuseeland bei Professor Bush and his hungry Forest-students“.  Vielleicht koennte ich sogar mein Baby zu den „Vorlesungen unter erschwerten Bedingungen und unter Einsatz meines Lebens (gemein-gefaehrliche Schuhe!)“ mirbringen. Und wenn er da schreit, schiebe ich ihn einfach tiefer ins Gebuesch und keiner merkt es. Stelle mir vor, wie meine Objekte aus alten Schuhen, leeren Nagellackflaschen, getrockneten Fischkoedern und Bernds leeren Coladosen in Berlin, Muenchen und Leipzig von der Fachwelt bestaunt und von Kunstsammlern hoch bezahlt werden. Zur Kroenung meiner Popularitaet und zur Steigerung meines Millioneneinkommens fielen mir bestimmt noch weitere hochkomplizierte Installationan aus Kupferfitttings, Strandgut und Kaesehaeppchen ein, so dass den abstrakten Kunstkritikern Hoeren und Sehen verginge. Weltweit verteilten sich meine Werke in allen namhaften Museen und ein paar wuerde ich fuer den einen oder anderen guten Zweck spenden (Haifische in Not oder gequaalte Seepferdchen). Waere eine ernste Ueberlegung wert, das mit dem ofiziell anerkannten Studium. Muesste allerdings vorher in festes Schuhwerk oder Gummistiefel und wasserdichte Kleidung investieren…

Muss ich mal drueber schlafen….

Fortsetzung folgt…

(c) Beate Minderjahn

 

15.) Deutsche Gruendlichkeit!

7 Oct
Personal Note: “While I am preparing the next post about re-organising your wardrobe, here is another short story for my German friends and readers from our Immigration-to-New Zealand-Days …
So, stay tuned and have a wonderful and happy day!”   Beate
 

Deutsche Gruendlichkeit!

Unser neues Leben am Ende der Welt – Neuseeland  29. November 1999

Heute hat der Brieftraeger endlich mal ein Brieflein in unsere Letterbox geworfen. Freudig bin ich rausgerannt und fand einen Fragebogen bezueglich unserer 137 Kartons of „household goods“, die immer noch im Container uebers Meer schippern. Der Neuseelaendische Zoll will nun alles ganz genau wissen. Was ist bloss in den vielen Kartons? Man wundert sich, ob wir Weihnachtsschmuck eingepackt haben (wenn ja, aus welchem Material),  Gartengeraete (wenn ja,  haengt da noch Erde dran?), lebende Tiere oder Tierprodukte (wenn ja, von welchem Saeugetier),  getrocknete Blumen und Pflanzen (wenn ja welche Sorten, wie alt, gefriergetrocknet),  Lebensmittel (wenn ja, wann ist das Verfallsdatum),  Rattengift (wenn ja, hat es schon mal geholfen), Wein (wenn ja, aus welcher Traube), Haus, Auto, Boot, Geschenke, Waffen, Munition, Atomkraftwerk,  Drogen (wenn ja, wie teuer), Holz (wenn ja, aus welchem Tropischen Regenwald?),  Schlangen (wenn ja, welche Muster), Krokotaschen (wenn ja, wer ist der Designer), Sportschuhe (wenn ja, welche Groesse und welche Duftnote), Staubsauger (wenn ja, ist im Staubsaugerbeutel noch Staub drin?), Elefanten, Popkorn (wenn ja, mit Butter oder Zucker?),  ausgestopfte Haustiere und „Ornaments“. Habe leider keine Ahnung was „ornaments“ sind, steht auch nicht im Woerterbuch. Oh, Du heiliger Salat!  

Wie gut, dass ich in Deutschland hochschwanger und in geheimer Mission (wie ein Eichhoernchen bei den Wintervorbereitungen) alles persoenlich eingepackt und in weiser Vorahnung ein Notebook angelegt habe, in dem jeder einzelne Karton numeriert und jedes einzelne, noch so winzige  Teil unseres gesamten Hab und Gutes aufgelistet ist. (Mann weiss ja nie…) Das nennt man Deutsche Gruendlichkeit und jahrelange Erfahrung in Buero-Organisation! So hat es nur ungefaehr drei Stunden gedauert, die siebenundzwanzig Seiten des Zoll-Fragebogen auszufuellen. Mit bestem Wissen und Gewissen (und einer Hand auf der Bibel von der Vermieterin) habe ich die kleinen Kreuzchen gerecht auf allen Seiten verteilt und die Akte an die staatliche Zollbehoerde zurueckgesendet.

Dank des Telefonates am speateren Abend mit meiner Schwester, deren Freundin in Berlin eine Freundin in Amerika hat, deren Freundin aus Australien eine Freundin hat, die auch nach Neuseeland ausgewandert ist, weiss ich jetzt, dass „ornaments“ so viel heisst wie Wohnaccessoires, Krimskrams  oder Dekoration. Gemeint ist das ganze Zeug, das im Regal Staub ansammelt und dass man eigentlich ueberhaupt nicht braucht, aber irgendwie dran haengt und es durch die ganze Welt mitschleppt. Dinge wie Holzskulpturen, getrocknete Blumen, Rattan-Koerbe, Wandschmuck, Elfenbein, Kruemelkacke in Glasbehaeltern, gehaekelte Toilettenrollen-Tarnung, Muscheln von allen Kontinenten, Kleine Dackelfiguren mit losem Kopf, Sandbilder aus Mallorca, die kleinen Automodelle in limitierter Auflage und alles andere,  wonach die Zollbeamten gerne  suchen. Hatte mal vorsorglich ja angekreuzt!  

Ich hoffe nur, dass die offensichtlich sehr besorgte Behoerde jetzt nicht jedes einzelne Teil bei der Ankunft im Hafen sehen will und dabei den echten Nerzkragen an meinem alten Wintermantel findet oder das Schlangenetui fuer meinen Lippenstift, oder das Brotkoerbchen aus echtem Bambusgeflecht und meine selbstgebastelten Weihnachtsterne aus Stroh….

Fortsetzung folgt…

(c) Beate Minderjahn

14.) Eine Busfahrt, die ist lustig…!

16 Sep

Unser neues Leben am Ende der Welt – Neuseeland  27. November 1999

Ein weiteres Semester meines Muffin-Heim-Studiums nimmt seinen Lauf. Dieses mal habe ich das Rezept mit Avocado, Mais und Camembert ausprobiert. Sind total lecker, habe die Haelfte der Muffins schon gegessen und den Rest fuer meine Schwester eingefroren, die uns bald besuchen kommt.

Nachdem ich alle Waesche sortiert, die Voegel auf der Terrasse beobachtet, und die gestreiften Sofakissen aufgeschuettelt  habe, durchwuehlte ich die Schublade im Wohnzimmerschrank und fand ueberraschend einen zerfledderten Busfahrplan. Wenn das kein Zeichen aus dem Universum ist… Und tatsaechlich -wenn ich als ehemalige Betriebswirtin und Karrierefrau die Tabelle richtig deute- haelt einmal pro Stunde ein Bus unten am Bushaeuschen. Fest davon ueberzeugt, es handelt sich um Vorsehung, habe ich mein Baby geschnappt, in den Kinderwagen verfrachtet, die uebrige Mutter-mit-Kind-Ueberlebensausruestung in den Wagen geschleudert  und schwupp – zur Haustuere hinaus.

That’s my kind of day! Vor lauter Abenteuerlust habe ich den Fahrplan auf dem Esstisch liegen lassen. Nur 25 Minuten Strassenueberquerung spaeter und gerade an besagter Haltestelle angekommen, haelt auch schon der lang ersehnte Bus, der uns in die Freiheit befoerdern soll.  Zum lachhaften Preis von $1.10 wollte der mindestens zwei Meter grosse Busfahrer gerne das Burgfraeulein und ihr Ritter-Baby mitnehmen, hat jedoch gleich mit seinem geschulten Auge abgeschaetzt, dass unser Kinderwagen nicht durch die Vordertuere passt. Hilfsbereit und wie ein echter Kavalier sprang er auf, signalisierte mir, ich solle hinten einsteigen und kam von innen zur Hilfe. Die Idee war gut!

Aber leider war unser super-deutscher Marken-Qualitaetskinderwagen aus dem Baby-Fachgeschaeft zu breit (oder der Bus zu eng). Es lag weniger an der Breite der Tuere als an dem aus Sicherheitsgruenden angebrachten halbhohen Metallbuegel, der die Tueroeffnung in zwei gleichgrosse Teile teilte. Meine koenigliche Babykutsche wollte weder links noch rechts daran vorbeipassen. Da beschloss der grosse, starke Baer von einem Busfahrer kurzerhand und ohne meine Zustimmung einzuholen, den gesamten Wagen mit allem Gepaeck einschliesslich Kind ueber den Mittelgriff zu heben. Der Mann hat geschnaubt, geroechelt, gequalmt, nochmal tief Luft geholt und mit einem kurzen, lauten Aufschrei die ganze Einheit in die Luft gestemmt. Ungluecklicherweise verhakte sich der Kinderwagengriff in einem kleinen Vorbau am Dach des Busses. Ich war viel zu klein und versteinert, um zu helfen. Habe keine Ahnung, was der grosse Baer dachte, aber mit einem lauten Aechzen, einem weiteren Aufschrei und einem powervollen Ruck, maneuvrierte er meinen dicken Wagen samt Henry in abenteuerlicher Schraeglage und unter den bewundernden Blicken der uebrigen zwei Passagiere in den Bus hinein. In einem Amerikanischen Movie, waere das die Stelle, wo alle klatschen. Aber wir sind ja nicht in Amerika! Gott sei Dank. Ich war ueberzeugt, der Busfahrer war gleichzeitig noch Hobby-Gewichtheber oder Hammerwerfer in der Nationalmannschaft. Mir war die ganze Situation sehr peinlich (dachte blitzartig an  meine Karriere, die ich fuer Kind, Land und Leute aufgegeben hatte) und bedankte mich sehr herzlich in gebrochenem Englisch bei dem schwitzenden Red Bull fuer seine ueberdimensionalen Kraefte. Ich vermute allerdings, wenn er uns nochmal am Bushaeuschen sieht, gibt er Vollgas und saust davon.

Immerhin waren wir schon mal drin, im Bus, und ich konnte auf dem Weg nach Orewa in Ruhe darueber nachdenken, wie ich wieder aus dem Bus herauskomme. Henry hat einmal tierisch gelacht und dann waren wir auch schon am Ziel angekommen. Bevor ich mir selbst die Frage nach dem weiteren Vorgehen beantworten konnte, war Superman schon auf seinem Weg um Rittersfrau mit Kind zu retten. Vermutlich noch ein wenig erschoepft, da die Busfahrt von Hatfields Beach nach Orewa nur 5 Minuten dauert, zerrte er am Kinderwagen, bevor ich mich ueberhaupt vom Sitz erheben konnte. Wieder versuchte er den Wagen mit Kind und Kegel unter lautem Aufschrei in die Luft zu stemmen,  als seine Abloesung, ein kleiner, duenner, aber frischer Busfahrer zur Hilfe eilte. Dann haben beide mit vereinten Kraeften und im Schnellverfahren (Bus hatte vermutlich schon Verspaetung) am Kinderwagen gerissen, gezogen und gebogen, der Grosse oben, der  Kleine unten. Wenn sich Henry-Baby nicht mit seinen winzigen Faeustchen im Innenpolster des Kinderwagens festgekrallt haette, waere er im hohen Bogen rausgeflogen und auf dem Dach des Bushaeuschens gelandet. Ist aber alles nochmal gutgegangen. Mir wurde schlecht bei dem Gedanken, dass ich diese Prozedur noch zweimal auf dem Heimweg durchmachen soll. Zu Fuss nach Hause gehen stand ja wegen Nichtvorhandenseins eines kinderwagenfreundlichen Fussweges ausser Debatte.

Um einer ausgepraegten Panikattacke vorzubeugen und meine Nerven zu beruhigen, gingen wir erstmal in die Stadtbuecherei. Dort fand ich zwischen den Infoblaettern einen neuen Busfahrplan (alles Vorsehung). Waehrend ich in den Heilung-durch-Selbsthypnose-Buechern stoeberte, hat Henry ein kleines Nickerchen gemacht. Ist auch gut so, denn in der Buecherei ist alles sehr friedlich und andaechtig. Schreiende Kinder sind auch in Neuseelaendischen Buechereien nicht sehr beliebt.  Beim Einkauf im Supermarkt war ich zurueckhaltend und habe mich auf das Noetigste beschraenkt, um die Umstaende meiner Heimreise nicht zu erschweren. Wenn ich alle Zutaten gekauft haette, die ich fuer mein naechstes Muffin-Rezept brauche, muesste Arnold Schwarzenegger den Bus fahren.

Nach ein paar Atemuebungen und um den Rest des sonnigen Nachmittages zu nutzen, haben wir uns mit einem kleinen Lunch am wunderschoenen Strand von Orewa niedergelassen. Waehrend ich so den Horizont beobachte, kommt mir die rettende Idee!

Bevor der Bus kommt, baue ich an der Haltestelle den Kinderwagen  auseinander, klappe die beiden Teile zusammen und steige einfach so, mit separatem Ober- und Unterteil, einem dicken Baby, dem Gepaeck zum Ueberlebenstraining und den Tueten mit dem Noetigsten vom Supermarkt in den Bus hinein. Wieso war ich nicht frueher drauf gekommen?

Also zurueck zur Bushaltestelle, das ganze Gepaeck auf dem Buergersteig verteilt, den Wagen (mit Baby unterm Arm) auseinander gebaut, die Einzelteile zusammengeklappt, schon etwas ausser Aten, …da verwickelt mich ein altes Muetterchen (sehr klein und stark geschminkt)  in das uebliche Gespraech. „How old is the Baby? – boy or girl?“  (sieht man das denn noch immer nicht?). Nachdem ich schwitzend und atemlos alle Fragen zu ihrer Zufriedenheit beantwortet habe, erlaubte ich mir eine Gegenfrage: „Is this the bus to Hatfields Beach?“  Sie schaute mich ganz verdutzt an und versuchte mir in extrem langsamen Redefluss (speziell entwickelt fuer die Unterhaltung mit Auslaendern) zu erklaeren, dass Hatfields Beach in der anderen Richtung liegt und deutete auf den Huegel am noerdlichen Ortsausgang.  Und sie hatte Recht – ich war an der falschen Bushaltestelle! Kann mich einfach noch nicht an diese „falschen Strassenseiten“ gewoehnen. Also habe ich alles wieder auseinandergefaltet (mit Baby auf dem Arm), die Teile zusammengebaut, das Sturmgepaeck, die Supermarkttueten und das Kind im Wagen verstaut und bin um die Ecke gerannt, zur anderen Bushaltestelle. Dort hatte ich die Wagenteile noch nicht ganz auseinandergebaut und zusammegefaltet, als schon neben mir der Bus eine Vollbremsung macht. Die uebrigen Passagiere  schauten interessiert zu, wie ich erst das Oberteil, dann das Unterteil , dann die Taschen und Einkauftueten (die gerade noch schnell in den Dreck gefallen sind) mit einem Baby unterm Arm in den Bus jongliere, bevor die Tueren automatisch schliessen. Der Fahrer observierte mich misstrauisch im Rueckspiegel und telefonierte intensiv auf seinem Handy. Wiederum froh, im Bus zu sein, war ich dieses Mal schweissgebadet und feuerrot im Gesicht. Hauptsache ich war drin, mit meinem ganzen Kraempel. Beim Anfahren der heimatlichen Haltestelle, beendete der Busfahrer  schnell das Telefonat. Das war vermutlich sein grosser und kleiner Kollege von der Fruehschicht, die ihn  vor merkwuerdigen Burgfraueleins mit Kind gewarnt hatten. Entweder aus Fahrplantechnischen Gruenden oder aus Mitleid kam er noch schnell angelaufen und half, meinen ganzen Kram aus dem Bus und vor das Bushaeuschen zu werfen.    

Stark nach Schweiss riechend, aber endlich wieder zu Hause, war mir eins klar geworden: „Mit diesem bloody f….. Kinderwagen“  fahre ich nicht nochmal im Bus! Ich wusste doch, dass ich Bernd‘s neue Vokabeln eines Tages brauchen kann.

Ein zweites Auto muss her!

Fortsetzung folgt…

(c) Beate Minderjahn

13.) Reisetips!

12 Sep

Unser neues Leben am Ende der Welt – Neuseeland  26. November 1999

Da ich heute wieder ans Haus gefesselt war (wegen: kein Auto, kein Fussweg, kein Bus), habe ich mein Muffin-Heim-Studium fortgesetzt. Nein, wider Erwarten diesmal kein Chaos in der Kueche – alles ganz normal! Habe die Pizza-Muffins gebacken,  gleich vier Stuecke davon gegessen und anschliessend noch schnell fuer meinen lieben Mann das Double-Chocolate-Rezept mit 2000 Kalorien pro Stueck, viel Schokolade und 500ml Sahne ausprobiert. Bin ja sonst kein Kuchenfreund, aber die Dinger sind wirklich lecker (musste natuerlich mal probieren).

Damit Henry waehrend meiner Back-Orgien was zu tun hat, habe ich den ganzen Kuehlschrank mit Photos aus Deutschland zugehaengt. Dann sitzt er ganz lieb davor, starrt die Bilder an, spricht mit den Leuten und sabbert dabei alles voll, so dass ich am liebsten das ganze Baby auswringen wuerde. 

Ich freue mich sehr, dass meine Schwester bald kommt,  damit ich sie mit Muffins vollstopfen kann. Weil sie schon so nervoes und aufgeregt ist wegen des grossen Fluges, habe ich ihr noch schnell ein Beruhigungsfax geschickt:

„Liebe Iris,

Mach Dir keine Sorgen wegen des Fluges! Wenn Du erstmal rechtzeitig in Frankfurt ankommst und  in der richtigen Maschine sitzt, kann nicht mehr viel passieren. Zuerst bekommst Du was zu essen (vermutlich Bratwurst und Fisch) und zu trinken und dann schaust Du Dir die 27 Kinofilme an, die Du schon immer sehen wolltest (oder auch nicht). Neunzehn Radiosender geben Dir das lang-ersehente kulturelle up-date aus der Klassik- und Opernwelt. Dann  waelzt Du Dich ein paar Stunden hin und her mit dem elektro-statisch aufgeladenen Miniatur-Kopfkissen um den Hals drapiert und der Wolldecke aus 100% Kratzhaar, die  von der Fluggesellschaft feierlich in einer Plastiktuete serviert wird. Zwischendurch versuchst Du, Deine eingeschlafenen Fuesse aufzuwecken um eine Trombose zu verhindern  und gehst mangels Tiefschlaf und wegen der nervoesen Blase 86 mal zur Toilette. Und so vergehen 12 Stunden wie im Flug.  Wenn Du ploetzlich und unerwartet in Los Angeles ankommst und aussteigen darfst, musst Du einfach den Schildern folgen, damit Du den richtigen Transit-Raum zum Absitzen weiterer zwei Stunden findest. Es ist erstaunlich, wie selbst aus einem Transitraum ohne Ausgang jedesmal Leute verschwinden und hundertmal ausgerufen werden muessen, bevor es weitergehen kann.  Jedenfalls brauchst Du dann nur noch in das richtige Anschluss-Flugzeug nach Auckland einzusteigen. Ganz easy! Lauf einfach hinter den anderen Leuten her (natuerlich nur denen, die auch nach Neuseeland fliegen!).

Wenn Du erstmal  in der naechsten Boing sitzt, kriegst Du wieder was zu essen und zu trinken (Wurst & Fisch), noch mehr Gruselfilme, Opern im Radio, eingeschlafene Fuesse und verseuchte Toiletten-Stops. Bevor Du die Toilettenspuelung drueckst, vergewissere Dich, dass die Ohrenstoepsel tief in den Ohren stecken (1 Troepfchen Superglue wirkt Wunder) und ueberpruefe auf jeden Fall, ob  das Gebiss, die Zahnspange, saemtliche Haarextensions,  manuelle Silikonbuseneinlagen, aufblasbare Povergroesserungkissen, farbige Kontaktlinsen, kuenstliche Wimpern und Fingernaegel,  Piercings, Tatoos, die Kronjuwelen, das Strass-Diadem und alle uebrigen koerperlichen Verschoenerungsmassnahmen, die nicht angewachsen sind, fest sitzen, weil die Edelstahl-Toilette gerne unter tosendem Laerm Sachen einsaugt und durchs Universum schleudert.

Kurz nach dem Fruehstueck und dem 17. Bratwuerstchen mit  Fisch hast Du es auch schon  geschafft. Was sind schon 24 Stunden? Die sitzt man doch auf einer Backe ab. Und denk daran, bequeme Kleidung und was zum Wechseln ist wichtig, falls es Deinem Nachbarn uebel wird und er auf Dich spuckt, weil er die Papiertuete nicht schnell genug findet (oder sie schon voll ist). Ein kleiner Kulturbeutel (was hat das eigentlich mit Kultur zu tun?) ist ebenfalls ein absolutes Muss und sollte Zahnbuerste, Spiegel, Schminksachen, Frisierzeug, Gesichtsmasken (man weiss ja nie, wer einem begegnet) und Rescue-Tropfen enthalten. Setz Dich auf jeden Fall zum Gang! So brauchst Du nicht jedesmal ueber Beine und Baeuche zu klettern, wenn Deine schwache Blase jeden Sinn fuer Zeit und Raum verliert. Ausserdem siehst Du immer zuerst, wenn spannende Dinge passieren, wie das Vorbeischieben des Speise-und Getraenkewagens, wenn die Damen nachts frisches Quellwasser im Plastikbecher servieren oder hektisch nach einem Arzt ausrufen. Oder wenn sie die aufblasbaren Schwimmwesten verteilen, die grundsaetzlich nie  in ausreichender Anzahl vorhanden sind (Murphie’s Gesetz). Ein Fensterplatz lohnt sich auch deshalb nicht, weil schon nach ein paar Minuten und wenn die Aussicht endlich interessant wird, mindestens drei Passagiere meckern und die Fenster verdunkeln wollen, damit sie mal in Ruhe schnarchen koennen.

Nutze einfach die Gelegenheit, Dich mal richtig zu entspannen und wenn Ihr durch Turbulenzen fliegt (hoffentlich nicht waehrend des Essens wie bei uns), dann stell Dir einfach vor, Du waerst beim Oktoberfest auf der Achterbahn. Wenn es geht, verstau Dein Handgepaeck anstatt oben im Gepaeckfach unter Deinem Sitz (auch wenn die Stewardessen das nicht gerne sehen) – nur fuer den Fall, Du brauchst mal schnell die Anti-Wrinkel-Creme, das goldene Pedikuerset, die handgestrickten Wollsocken oder die ABC-Schutzmakse (gegen feindliche Pubs-Attacken). 

Ansonsten lass alles zu Hause, was wir sowieso schon haben und bestell allen Freunden und Verwandten, dass wir nur Geschenke annehmen, die unter 150g wiegen. Versteck Dein Ticket und den Reisepass in einer wasserdichten und taucherfreundlichen Huelle (man weiss ja nie). Der Rest ist kein Problem!

Und wenn Du erstmal hier bist, musst Du unbedingt meine neuen Muffins probieren!

Deine grosse Schwester (die in Wirklichkeit 15 cm kleiner, dafuer aber 10 Jarhe aelter ist)“

Fortsetzung folgt…

(c) Beate Minderjahn

12.) Neuer Tag, neues Glueck!

8 Sep

Unser neues Leben am Ende der Welt – Neuseeland  25. November 1999

Mein lieber Mann war richtig begeistert von der Idee, sich einen Kleinbus fuer die Arbeit zu kaufen. Im Geiste hat er schon fein saeuberlich Regale eingebaut, Stapelkaesten befestigt, sein Werkzeug poliert und alle Nippel, Muffen, Form-und Verbindungsstuecke aus Messing, Kupfer und Kunstoff einsortiert…..

Habe ihm immer noch nicht gesagt, dass ich unbedingt den Kombi zum Transport von schweren Babies, Marken-Kinderwagen, Ueberlebens-Utensilien und zum Erforschen neuer Kontinente brauche.

Als er gestern Abend  gut gelaunt von seinem zweiten Arbeitstag auf der Grossbaustelle nach Hause kam, erfuhr ich ein wenig mehr ueber Sitten und Gebraueche im Arbeitsleben.

Zitat Bernd: „Die Arbeit hier ist kein Problem. Ich vergesse einfach die Sicherheitsbestimmungen und die anderen Vorschriften wie Schallschutz, Brandschutz, Isolierung und Waermedaemmung und dann geht es ganz gut. Bei Fragen nach Schwitzwasserbildung zuckt der Bauleiter nur mit den Schultern (ist vielleicht nur unterm Arm und an den Oberschenkeln bekannt).“

Ansonsten haben die Kollegen, die gestern nicht auf der Arbeit waren, meinen lieben Mann wie einen Ausserirdischen begutachtet, als er mit seiner feinen, tadellosen Arbeitskleidung erschien (frisch gewaschene, geschleuderte, entfusselte, dampfgebuegelte Jeans ohne Loecher, aber mit eingearbeiteter Pumpenzangen-Lasche und speziellem Zollstock-Fach, ein nicht-eingerissenes gelbes Poloshirt, die Arme professionell aufgerollt, festes Schuhwerk aus echtem Leder mit integrierten Stahlkappen). Erst dachten alle, er sei der Bauherr, aber dann wurden sie belehrt, dass Bernd der neue Plumber ist – vermutlich aus Mexiko wegen seiner schwarzen Haare und des gezwirbelten Schnaeuzers. Mit dem Gruss, „you look very tidy!“ haben sie ihn dann herzlich in ihren Kreis aufgenommen und jeder wollte mal das feine Stoeffchen anfassen (was mein Mann wegen seiner Antipathie gegen Bakterien nicht so gut leiden kann).  Hoffentlich hat er seine $29.95-Edelstahl-hochpolierte Thermoskanne im Auto gelassen. Wirkt vielleicht ein bisschen arrogant! Waehrend der Arbeit haben die Kollegen ihn immer wieder ermuntert mit den Worten: „Don’t hurry – MAN!“, dann haben sie zusammen ein wenig in den Plaenen geblaettert, von links nach rechts, von oben nach unten, von hinten nach vorne. Anschliessend fuhren sie mit vereinten Kraeften und in abgedaempftem Tempo fort, die Abflussrohre mit Plastikfolie und Klebeband zu verpacken (?!?).

Bernd hat auch noch ein paar neue Vokabeln gelernt: „ Bloody, f……ing stuff  –   f…. off the rubbish  –  this big sheet (oder shit?)“ und andere Redewendungen, von denen ich nicht weiss, wie man sie schreibt, aber die man vielleicht mal brauchen kann (man weiss ja nie).

Hauptsache der Mann ist happy und hat was zu tun!

Henry war heute ein liebes Baby, nachdem ich ihm den ganzen Tag das gute alte Volkslied „Hoppe, hoppe Reiter“ vorgesungen habe und ihn dann „plumbsen“ liess. Da hat er sich kaputt gelacht (immer noch ohne Haare – ohne Zaehne). Allerdings musste ich mir staendig neue Strophen einfallen lassen, damit es nicht zu langweilig wird. „Faellt er in die Hecken, fressen ihn die Schnecken – faellt er in das Klo, pubst er aus dem Po – faellt er auf die Katz, macht die einen Satz – faellt er auf den Hund, wird er dick und rund –  faellt er vom Balkon, kriegt er einen Sohn – faellt er in den Garten, muss er lange warten – faellt er auf den Bus, kriegt er einen Kuss – faellt er in den Schnee, dann trinkt er gerne Tee – faellt er auf die Waesche, kriegt der Junge Dresche…..“ usw.

Im Fernsehen kam heute nachmittag ein Zeichentrickfim von „Catdog“. Das ist ein Tier, dessen vordere Haelfte eine Katze und die hintere einen Hund darstellt. Man kann es besser zeichnen als erklaeren, aber so ein Haustier haette ich auch gerne, weil es handlicher ist als ein Dinosaurier.  Waehrend das eine Ende Maeuse faengt, bellt das andere Ende den Brieftraeger an, der taeglich mit seinem roten Mofa unverrichteter Dinge an unserer Letterbox vorbeifaehrt. Keiner schreibt uns!        

Fortsetzung folgt…

(c) Beate Minderjahn

11.) Ein kleiner Ausflug!

5 Sep

Unser neues Leben am Ende der Welt – Neuseeland  24. November 1999

Endlich kam die Nachricht, dass unser Containership „OPTIMISM“ (wie passend!) dem Sausewind um Cap Horn standgehalten hat. Wenn es nicht im letzten Moment  von Piraten ueberfallen  oder von Haien angefressen wird, (die beissen sich spaetestens an Bernds Schweissgeraet die Zaehne aus), dann trudelt der gute Kahn mit 174 items of household goods am 4. Dezember im Aucklaender  Hafen ein.  Ich bastel schon mal kleine Faehnchen und Luftschlangen, damit wir rechtzeitig zum Empfang am Kai (nicht Pflaume! – obwohl, das waere auch nicht schlecht, wenn der ploetzlich aus dem Container krabbelt!) stehen.

Seit wir hier sind vermisse ich am meisten (neben meiner Schwester) ein schoenes deutsches Vollkornbrot, so eins in  der Form und Konsistenz eines Ziegelsteins. Leider habe ich so ein kompaktes, handliches, dunkles Brot, mit dem man  gleichzeitig noch Einbrecher und Triebtaeter bekaempfen kann, noch nirgendwo gefunden. Es gibt nur diese labbrigen, schwammartigen, weissen Toastbrote.  Wenn man im Supermarkt unter „Europaeische Delikatessen“ mal ein dunkles Brot mit der Aufschrift „Bavarian Style“ (?!?) findet und sich draufstuerzt, damit kein anderer Europaeer es einem vor der Nase wegschnappt, dann stellt man schnell  fest, dass es sich hierbei nur um eine Atrappe handelt. Der optische Eindruck ist authentisch, aber die Konsistenz ist die gleiche wie beim labbrigen Weissbrot, mit dem man auch in aller Ruhe sein Auto putzen koennte, ohne einen Kratzer zu hinterlassen. Wenn das Brot feucht wird, tritt der eingebackene Kleber in seine Funktion und das ganze wird zu einer weichen, feuchten, klebrigen Masse, mit der man im Kindergarten Figuren modellieren kann. Ich glaube auch nicht, dass diese gallartartige Masse gesund ist, wenn sie tagelang im Magen kleben bleibt, bis man etwas Hartes isst (Schleifpaper oder durchgebratenes Rindersteak), um sie innerlich abzuschaben. Wie sehne ich mich nach einem Stueck massivem, herzhaften Koernerbrot aus einer deutschen Baeckerei, mit dessen Rinde man sich easy das Zahnfleisch aufschlitzt, und von dem man jeden Bissen 137 mal kauen kann, damit man anschliessend fuer mehrere Stunden wirklich keinen Hunger mehr hat. Schade, dass man hier keine Lebensmittel mitbringen darf, sonst koennte mir meine Schwester einen Koffer voll Kosackenbrote mitbringen, wenn sie uns im Dezember besuchen kommt. Die Brote koennte ich gut zwischen den Weinkartons in der gigantischen Abstellkammer stapeln!

Da Bernd heute seinen zweiten Arbeitstag hatte und am Morgen wieder froehlich mit dem Auto und seiner polierten Thermsokanne abgedampft ist, habe ich beschlossen, mit meinem kleinen, heissgeliebten Baby Henry, einen schoenen langen Spaziergang nach Orewa zu unternehmen. Gesagt, getan.

Gegen 11 Uhr machten wir beide uns auf den Weg, adrett gekleidet und den Kinderwagen mit allem Noetigen bepackt, was man eben so braucht  fuer eine Entdeckungsreise, eine Hungersnot oder einen abrupten Klimawandel.  Von unserer kleinen Huette aus marschierten wir erstmal stramm und voller Elan bis zur Strasse und dann den Berg hinunter, um unten am Meer die  stark befahrene Hauptstrasse zu ueberqueren. (Den Dinosaurier mussten wir leider wieder abschaffen, da er beim Atmen Bernds Auto mit gemein-gefaehrlichen Bazillen bespruehte). Nach einer Viertelstunde waren wir tatsaechlich auf der anderen Strassenseite und mit aller Kraft und schnaubend wie eine alte Dampflokomotive schob ich das schwere Baby in dem noch schwereren deutschen Qualitaetskinderwagen den steilen Fussweg hinauf – links die wunderschoenen Haeuser mit Meerblick, rechts die Leitplanke und die abgasverseuchten Autos und Lastwagen. Fast oben angekommen und nach Sauerstoff ringend endete der Fussgaengerweg leider ploetzlich und unerwartet an der Schnellstrasse mit einer Luecke in der Leitplanke?!?  Was hat das zu bedeuten? Auf der anderen Strassenseite war keine Luecke in der Leitplanke, hier war kein Ueberweg und die Autos rasten immer noch in vollem Karacho an uns vorbei. Von hier aus haette ich nur noch auf dem Randstreifen der Schnellstrasse  weitergehen koennen. Das war mir auf jeden Fall zu gefaehrlich mit Kinderwagen!

Ich fand die Verkehrsfuehrung sehr merkwuerdig und muetterunfreundlich. Was nun? Also musste ich den ganzen steilen Berg mit Sack und Pack und dickem Baby, das heute zur Abwechslung  mal sehr gut gelaunt war und aus seinem Kinderwagen lachte (hoffentlich nicht ueber das Schnauben seiner Mutter!), wieder runter gehen. Gehen ist diesbezueglich nicht das richtige Wort. Man haette es eher als Laufen oder Rennen bezeichnen koennen, was aber auch nicht exakt wiedergibt, wie ich versuchte mit meinem gesamten Koerper in Rueckwaertslage und als Gegengewicht zur Schwerkraft dagegen anzukaempfen, dass mein Kinderwagen mit der Notausruestung fuer mehrere Tage (man weiss ja nie) in einem Affenzahn nach unten rast. Wieso hat das Ding eigentlich keine Bremse und wieso muessen Babys keine Sturzhelme tragen? Kinderwagen werden bestimmt  von Maennern (ohne Kinder) entworfen! Haette ich mich nicht wie beim bitteren Kampf um die letzte Bluse im Schlussverkauf von C&A am Griff des Kinderwagens festgekrallt, waere Klein-Henry den Berg runtergeflitzt und haette vermutlich den Weltrekord im Baby-ueber-Stock-und-Stein-Rennen gebrochen. Schon  an einem eisigen Wintertag in 1964 hatte mein grosser Bruder im Alter von sechs Jahren festgestellt, wenn er neben seiner kleinen Schwester (ich!) noch einen dicken Felsbrocken  auf den Schlitten legt, rast der viel schneller den zugeschneiten Berg hinunter – bis in den Stacheldraht…

Nachdem ich und mein freudestrahlendes, zahnloses Baby den Rueckweg auf diesem steilen Gelaende ueberlebt haben, waren wir also wieder unten am Meer, wo wir wiederum 20 Minuten warten mussten, um die Strasse zu ueberqueren.  Dann versuchte ich mein Glueck auf der anderen Strassenseite, wo ich bisher noch nie einen Fussgaengerweg gesehen habe. Trotzdem habe ich versucht, mir mit schwerem Gefaehrt und Kampfgepaeck den Weg hinauf zu bahnen, durch wilde Buesche und Straeucher, ueber rauhe Wurzeln und alte Baumstuempfe. Wieso haben Kinderwagen eigentlich (neben Bremsen) auch keinen Motor?  Und wieso hatte ich nicht daran gedacht, eine Machete einzupacken? Aber auch hier endete der Weg schon nach ein paar Minuten in der Leitplanke, diesmal ohne besagte Luecke.

Wie kommen denn die anderen Muetter in die Stadt, wenn sie kein Auto haben? Sehr merkwuerdig. Kann man denn wirklich nur mit dem Bus fahren, dessen Haltestelle sich unten am Meer  befindet?  Nun gut, dachte ich mir, so schnell geben wir doch nicht auf. Wenn das die einzige Chance ist, in die Zivilisation vorzudringen, dann rasen wir eben wieder durch das wilde Gebuesch, die Straeucher, ueber rauhe Wurzeln und alte Baumstuempfe nach unten und nehmen den Bus. 

Als wir endlich und schon etwas abgekaempft das Bushaeuschen erreichten, war dort weder ein Fahrplan ausgehaengt noch irgend ein Beweis dafuer, dass hier ueberhaupt jemals ein Bus anhaelt. Und ausserdem waere der Bus auf dieser Strassenseite in die falsche Richtung gefahren, ausser er haette mitten auf der Schnellstrasse eine Kehrtwende gemacht und dadurch vermutlich ein Vekehrschaos verursacht, das dann die einzige Strasse nach Norden fuer Tage gesperrt haette. Das kann doch nicht sein!  Adlerauge sei wachsam! Was sehe ich denn auf der anderen Strassenseite?  Noch ein einsames und verlassenes Bushaeuschen. Ohne Zoegern nahmen wir die 25 Minuten Strassenueberquerungszeremonie in Kauf, um auch dort weder einen Fahrplan noch irgendwelche Ueberbleibsel  von oeffentlichen Verkehrsmittel-Nutzern (abgerissene Fahrkarten, Kaugummi-Papierchen, Zigarettenstummel) zu finden.   Immerhin waere es dieses Mal die richtige Richtung gewesen. Kein Bus in Sicht, nicht hier, nicht auf der anderen Seite! Also haben wir nach nochmaligem  30-Minuten-Strassenueberquerungs-Manoever den strategischen Plan geaendert und den  Weg zurueck zum Hauptquartier angetreten. Henry hat sehr ueberrascht aus seinem Kinderwagen geschaut, als er nach zweieinhalb Stunden „Rallye Paris-Dakar“ und zwanzig Hauptstrassenueberquerungen durch dunkle Abgaswolken, wieder seine Haustuere erkannte. 

Nach Henrys Mittagsschlaefchen und einigen Taesschen Kaffe sind wir nochmal losgezogen, diesmal ohne Gepaeck und nur, um am Meer neue Muscheln und Treibholz fuer den Hochofen zu sammeln (und um mich zu vergewissern, ob nicht doch irgendwo eine abgerissene Fahrkarte rumliegt oder ein abgekauter Kaugummi klebt). Aber auch dieser Ausflug war nicht gerade von Erfolg gekroent, da uns ganz hinten, am Ende vom Strand, ein kleiner Platzregen ueberraschte und wir unsere Tour triefend nass und abrupt (plus 35 Minuten zur Ueberquerung der „Autobahn“) abbrechen mussten.

Ist vielleicht doch nicht so guenstig, wenn man hier kein Auto hat.

Da Bernd’s Arbeitgeber noch keinen Firmenwagen fuer ihn hat, muss er auch weiterhin sein eigenes Fahrzeug nutzen.  Muss meinem lieben Mann heute abend ein paar Schoko-Muffins servieren und ihn davon ueberzeugen, dass er unbedingt einen Kleinbus braucht, den er viel besser fuer seine Arbeit, seine geplante Selbststaendigkeit und  zum Transport unserer bald eintreffenden  1267 household items vom optimistischen Containerschiff, nutzen kann. Und da wir das Cottage nur fuer drei Monate gemietet haben, muessen wir Ende Januar noch umziehen. Diesen Argumenten konnte er nichts entgegen setzen, fand die Idee gut  und wollte sich am naechsten Tag gleich eine Autozeitung kaufen. Habe ihm noch nichts davon gesagt, dass ich den Kombi brauche, um unser schweres Baby in die Stadt zu transportieren…

Fortsetzung folgt…

(c) Beate Minderjahn

10.) Erster Arbeitstag!

30 Aug

Unser neues Leben am Ende der Welt – Neuseeland 23. November 1999

Was fuer eine Nacht! Mal wieder kaum ein Auge zugetan, da Bernd ziemlich nervoes war und immer wieder aufstand, Fernseher an, Fernseher aus… habe mich auch nur hin- und her gewaelzt, bin nochmal eingeschlafen und wieder aufgewacht und haette dann um ein Haar verschlafen, trotz der Oberaufsicht ueber den Wecker. Um 6 Uhr morgens hatte ich dann meine liebe Muehe, den sehr schlaefrigen Rohrexperten aus seiner Tieftraumphase zu reissen und den notwendigen Enthusiasmus hervorzurufen, um den langersehnten ersten Arbeitstag anzutreten.

Ich war froh, als er endlich bewaffnet mit roter Pumpenzange, saueberlich geklapptem Zollstock und frisch gespitztem Baustellen-Bleistift (alles aus dem Handgepaeck im Flugzeug – man weiss ja nie!) im Hauseingang stand. Dann habe ich ihm noch schnell die nagelneue, frisch polierte Alu-Thermoskanne mit Kaffee und die Mini-Kuehlbox mit Sandwichs und der ersten Ausfertigung selbstgebackener Schoko-Muffins unter den Arm geklemmt und gegen 7.10 Uhr ist er endlich mit seinem kleinen weissen Kombi losgeduest. Pflichtbewusst, ordentlich, sauber und gut organisiert, wie wir Deutschen eben so sind…. (Hoffentlich war meine Nachbarin um die Uhrzeit schon hinter der Gardine!).

Voellig erledigt habe ich mich dann noch mal in mein Bettchen geschlichen und in tiefer Meditation und mit positiven Affirmationen habe ich mir einen schoenen, gemuetlichen Haushaltstag herbeigewuenscht, an dem man mal alles bearbeiten kann, was am Einkaufswochenende liegen blieb – so ganz in Ruhe…

Auch das kleine Kruemelmonster Henry konnte sich nicht von seiner neuen, brotmesser-angepassten Matratze trennen. Um 10 Uhr morgens habe ich mal nachgesehen, ob er noch atmet und ihn aus seiner 27. Baby-Traumphase in die Realitaet zureuckgeholt. Zum Dank dafuer hat er mich den ganzen Vormittag angeschrien. Naechstes Mal lasse ich ihn schlafen, bis er vom Schlafen zu muede ist um zu schreien! Vermutlich ist es ihm jetzt noch langweiliger, ohne Papa. Ich habe ihm saemtliche CDs vorgespielt, selbst Wolfgang Petri (what? – Abschiedsgeschenk unserer Freunde, falls wir mal Heimweh haben ?!?), aber ich konnte ihn nicht beruhigen. Daraufhin habe ich selbst gesungen, getanzt, Kasperle Theater gespielt, beruehmte Persoenlichkeiten (wie Dolly Parton) imitiert, saemtliche Stofftiere aufgereiht, Englische Namen aus dem Telefonbuch vorgelesen, Tee, Kaffee mit Milch und Orangensaft serviert, Bungee Jumping von der Terrasse, dem Dinosaurier in der Garage akrobatische Kunststuecke beigebracht, neue Windel – alles vergebens. Da hilft nur noch Heino! Und die CD haben wir natuerlich nicht mitgebracht! (Liebe Heino-Fans: Auch das soll keine Abwertung sein sondern waere der letzte Versuch gewesen!)

Das Hausfrauen-Dasein ist leider nicht so gut fuer meine (Suppenkellen-) Koerperform. Die Kategorien Apfel oder Birne treffen seit der Geburt von Henry nicht mehr auf meinen Body zu. Hatte mir am Wochenende extra eine Waage gekauft, damit ich keinen Schock bekomme, wenn die alte Waage uebers Meer geschippert kommt. Und als ich mich draufstellte, raste die Anzeige im Kreis und blieb bei 170!!!!!!! stehen. 170 was?????? Zum Glueck waren es keine Kilos, aber ich habe keine Ahnung, was es ist, steht nicht dran. Frueher im Mathe-Unterricht hatte Lehrer Lembke immer geschrien „Hosenknoepfe oder was?“, wenn man die Einheit hinter der Zahl vergessen hatte. Muss mir unbedingt ein Rezeptbuch fuer Diaet-Muffins besorgen.

Gegen Mittag hatte sich nicht nur mein Baby-Sohn, sondern auch mal wieder das ganze technische Equipment gegen mich verschworen. Erst kommt meine Waschmaschine wieder mit dem alten Fusseltrick, mit dem selbst die neue Fusselbuerste aus dem $2-Shop ueberfordert ist. Das beruehmte Fusselsieb habe ich bis heute nicht an diesem gehaessigen Turbo-zum-Fenster-raus-Schleuder-Geraet gefunden! Nehme an, dieses hinterlistige Biest sammelt die Fusseln bei Weisswaesche und Handtuechern ein, versteckt sie heimlich irgendwo (am Sieb) und wartet auf meine dunkle Waesche, um sie mit Milliarden von mikro-organischen Fadenwuermchen zu uebersaehen. Muss mir auf jeden Fall etwas einfallen lassen, um dieses streitsuechtige Ungetuem zu baendigen. Oder ich wandere aus. Irgenwo auf der Welt muss es doch ein Fleckchen geben, wo immer die Sonne scheint und die Leute nackt rumlaufen, so dass man keine Waschmaschine braucht!

Henrys Laune hat sich auch am Nachmittag nicht gebessert und ich nehme an, er hat beschlossen, einen dauergrantigen „Kann-Dich-nicht-leiden“ Tag einzulegen. Er hat nur gejammert, geschrien, wollte nichts essen. Als er dann endlich mal an der Flasche gesaugt hat, ist er nach drei Schlucken eingeschlafen, um nach 10 Minuten (endlich mal Ruhe – schoener Traum!) wieder aufzuwachen und weiter zu schreien. Haette ihn am liebsten in meinen neuen gruenen Plastik-Putzeimer gesetzt, ihm einen kleinen Schubs gegeben und ihn aufs offene Meer driften lassen – auf Nimmer-Wiedersehen! Und ich wollte immer fuenf Kinder haben…. (What was I thinking????).

Und was hatte ich mir alles vorgenommen…. Meinen kompletten Haushalt hatte ich im Traum des friedlichen Morgenschlaefchens so perfekt organisiert und erledigt. Haette mir in Deutschland (als gestresste Karriere-Frau mit Haushaltshilfe) nicht vorstellen koennen, dass ich jemals Kuechentuecher und Unterhosen buegele. War ja auch nur ein schoener Traum. Vielleicht kriege ich schon den Hausfrauenwahn oder eine sogenannte Kuechen-Kollik!

Die amselaehnlichen Tiefflieger, die so schoen ihre Brut in unserer Dachrinne aufgezogen hatten, muessen das Nest wohl untervermietet haben. Jetzt nistet dort ein anderes Vogelpaerchen -eine Nummer kleiner- und wirft uns ihr altes Baumaterial vor die Terrassentuere. Hatte gehofft, dass die Vogelkack-Attacken bis zur Eroeffnung der Grillsaison beendet sind. War wohl nix! Habe aber keine Lust, mir jedesmal deren Exkremente vom Steak zu kratzen, bis die kleinen Flugsaurier endlich wissen, wofuer ihnen die Fluegel gewachsen sind. Eine Galgenfrist haben sie noch (bis es 24 Grad im Schatten ist).

Gegen Abend und nachdem gerade noch mein halbes Nachthemd am Buegeleisen kleben blieb, dachte ich mir, kochst Du eben mal ein paar Nudeln (beruhigt die Nerven und soll auch gluecklich machen….) und genehmigst Dir dabei ein Glaesschen Rotwein aus dem praktischen 3-Liter Container bis Dein lieber Mann nach Hause kommt. Dieser Patentfaesschen-Sonderverschluss ist einfach genial, vorausgesetzt, man weiss genau wie er funktioniert. Ich dachte jedenfalls, es zu wissen, weil ich Bernd immer aufmerksam beobachtet hatte, wenn er mir hoeflich und fachmaennisch ein Glaesschen zapfte. Heute wollte ich das mal ganz alleine machen (man will als Frau ja nicht immer abhaengig sein). Aber irgendwie hat sich dieser Kunststoffnippel beim Eindruecken an der vorgesehenen Stelle in der Kartonperforation verheddert, dann haben sich auch noch meine knubbeligen Fingern (auch nicht mehr so schmal wie frueher) irgendwie darin verkeilt und ploetzlich schoss der gute Beerensaft in hohem Bogen aus dem Karton. Leider konnte ich die Fontaehne nicht mehr stoppen und musste mit der ganzen Sprinkleranlage im Box-Format vom Tisch bis zum Spuelbecken rennen. Jetzt bleibt man bei jedem Schritt am Boden kleben, meine weisse Jeans hat pink-farbene Flecken und der Wein bahnt sich gerade den gleichen Weg in die schmale Ritze zwischen Trennwand und Herd, wo vor ein paar Tagen schon der Kaffee hinlief. Da komme ich im Leben nie mehr dran!

Zum Abschluss meines erfolgsgekroenten Hausfrauen-Tages wollte ich wenigstens noch Henrys Flaschendesinfektionsgeraet entleeren und die sterilisierten Sauger und Verschluesse in die spezielle keimfreie Dose befoerdern, als ich mit dem Kunstoffeinsatz am Rand haengen blieb und sich die ganzen Dinger im hohen Bogen und schoen gleichmaessig auf dem bakteriell-alkoholgetraenkten Fussboden verteilten. Bleiben jetzt bis morgen drank kleben! Kueche geschlossen!!!!!

Hoffentlich ist es keine langwierige psychosomatische Krankheit, sondern nur ein kurzer Ausbruch von Hausmuetterchen-Syndrom, der bald wieder vorbeigeht. Werde das Gefuehl nicht los, dass sich hier alles gegen mich verschworen hat oder vielleicht ist es ein Zeichen…

Als Bernd endlich von der Arbeit kam, hatte ich genau eine Maschine Waesche entfuselt und aufgehaengt, 3 Geschirrtuecher gebuegelt, sieben Blaetter Papier sorgfaeltig gelocht und abgeheftet, eine Schublade mit Krimas-Krams sortiert, ein halbes Nachthemd uebrig, und ich fuehlte mich total geraedert. Toller Tag! Wir waren weder einkaufen, noch am Meer, und ich werde den Gedanken nicht los, dass mein kleiner Schreihals und die Waschmaschine heimlich von der Anti-house-wife-Mafia gesponsort werden. Was haette ich heute alles erledigen oder unternehmen koennen, wenn mich „die Umstaende“ nicht ans Haus gefesselt haetten…

Es gibt Tage, da bleibt man am besten im Bett!

Wie schon erwaehnt, dann kam endlich mein lieber Mann von seinem ersten Arbeitstag nach Hause, unerwartet froehlich und guter Dinge. Er sagt, „die machen alles easy und langsam. Nur nicht ueberarbeiten und schoen cool bleiben heisst die Devise auf der Grossbaustelle“. Seinem neuen Vorarbeiter, einem Australier namens John Miller (in Deutsch: Johannes Mueller), gibt er waehrend der Rohrverlegung Deutsch-Unterricht. Der lacht sich dann kaputt ueber Vokabeln wie „Wasserpumpenzange“ und „Bolzenschneider“ und ist vermutlich sehr happy mit seinem neuen Kollegen.

Als ich Bernd fragte, wie John aussieht, bekam ich folgende Beschreibung: „Nett!“ Typisch Mann! Was kann man sich als Frau darunter vorstellen? Habe also ein wenig weiter geforscht. „Gross, dunkelhaarig, sonenengebraeunt, etwas rauher Typ, Zaehne habe ich keine gesehen, aber riesige Fuesse mit Turnschuhen und a good sense of Humor“. (Vermutlich die gleiche Sense of Humor, wie mein lieber Mann). Also schloss ich daraus, Modell Naturbursche mit Shorts (Bernd nennt es „Turnhose“). „Vielleicht ist er beim Turnen ja gar nicht so schlecht, aber er ist keine Schoenheit!!!“ schob Bernd hinterher. Hatte ich auch ehrlich gesagt, nicht erwartet. Um sein neugieriges Hausweibchen zu befriedigen, spuckte mein lieber Mann noch weitere Beschreibungen aus. „Auf der Baustelle lief noch ein echter Maori rum, so ein Raggae-Typ mit hypermoderner gelber Rapper-Sonnenbrille, wo die Glaeser bis zu den Ohren gehen (vielleicht kann man damit nach hinten gucken ohne sich umzudrehen). Er trug durchloecherte Turnschuhe (koennte vielleicht eine Art Belueftung sein) und ein putzlappenartiges T-shirt (mit dem mein Bakterien-phobie gebeutelter Mann fuer kein Geld der Welt sein Auto geputzt haette). Und sein Kompagnon sah genau so aus, nur einen halben Meter groesser und viermal so schwer, in einer ausgeschleuderten (Zitat!) Jogginghose mit 25 Schlitzen und aufgeweichten Gummilatschen mit einem Pin durch die Zehen. Der hat den ganzen Tag durch das Niveliergeraet gespuckt (sorry) gekuckt. Der Polynesische Bauleiter trug ein knuddeliges, sonnen-gebleichtes Hawai-Hemd und eine verschimmelte Jeans (koennte auch Moos gewesen sein).“

Bitte – hierbei handelt es sich keinesfalls um abfaellige Bemerkungen, sondern um rein subjektive Beobachtungen am Arbeitsplatz! Mehr weiss ich auch noch nicht, aber wenigstens hatte mein Mann einen schoenen Tag und geht morgen wieder mit Begeisterung und seiner neuen Thermoskanne Rohre verlegen.

So viel von einem in Selbstmitleid aufgeloesten Moechte-gern-oder-lieber-nicht-mehr–Hausmuetterchen mit zwei Schlafmuetzen (zum Glueck hat das Geschrei ein Ende und mein lieber Mann ist auch muede von der Arbeit). Vollmond grinst mich durchs Wohnzimmerfenster an. Gute Nacht!

Fortsetzung folgt…

(c) Beate Minderjahn

9.) Noch mehr Shopping!

30 Aug

Unser neues Leben am Ende der Welt – Neuseeland  22. November 1999

Freitag hat Bernd nochmal bis zum spaeten Nachmittag unserem neuen Deutschen Freund Karl geholfen. Da habe ich doch gleich die Gelegenheit genutzt und bin mit meinem kleinen Mannlein und dem Auto nach Orewa gefahren um mal in Ruhe alle Geschaefte zu erforschen. Henry lag gemuetlich in seinem Kinderwagen und schlief tief und fest als ich den ersten Shop betrat. Kaum hatte ich den Kinderwagen durch die Eingangstuere bugsiert, steckte schon ein altes Muetterchen den Kopf in den Wagen, weckte ihn auf und Henry und das Muetterchen lachen sich an, beide ohne Zaehne. Das Muetterchen wiederum freut sich, dass sich das Baby sich freut und dann wollte sie alles genau wissen. Junge oder Maedchen, wie alt, aus welchem Land? Dann wurde Henry noch 10 Minuten als „Happy chappy“ (was immer das ist) gelobt bevor wir uns endlich losreissen konnten. Freundlichkeit wird ja hier gross geschrieben und so ist es nicht ungewoehnlich, alle paar Minuten angesprochen zu werden. Zielgerecht umfuhren wir auf dem Weg zum naechsten Geschaeft ein anderes altes Muetterchen, das im Vorbeifahren noch schnell den Kopf in den Kinderwagen steckte  und wissen wollte, wie alt das Baby ist. So braucht man hier viel Zeit zum Einkaufen…

Am Samstag fuhren wir nochmal alle zusammen in die Stadt. Unterwegs sahen wir mehrere Schilder „Garage Sale“. Nach einer Weile meinte Bernd „hier werden aber viele Garagen verkauft“. Ich musste lachen und ihn dann natuerlich (als ausgekochte- und -gebildete Pionierfrau) eines besseren belehren.  Das sind die kleinen privaten Flohmaerkte, wo die Leute mal endlich ihre alten Regale, Sessel, Ehpartner, Kind, Kegel, Hund, Katze, Maus und sonstiges Zeug verkaufen, das sie nicht mehr brauchen. Es ist immer samstags ab 8.00 Uhr und vorher annoncieren die Leute ihre Adresse in der Zeitung. Wenn dann der grosse Tag kommt, wird alles aus der Garage vor die Garage geschleppt, Schilder an allen Haupt-und Nebenstrassen aufgestellt und dann kann jeder im Vorbeifahren sein Auto bremsen und den ganzen Kraempel kaufen. Habe ich natuerlich alles schon laengst rausgefunden und finde es gar nicht so doof! Dann brauchen sie nicht wie in Deutschland schon morgens um 5.00 Uhr das Auto vollzupacken, zum Flohmarkt zu fahren, sich in der Schlange anzustellen, sich mit anderen Haendlern um einen guten Standplatz zu pruegeln,  ueberteuertes Standgeld zu bezahlen,  nur damit der ganze Kram bei stroehmendem Regen noch nass wird  (jahrelange Flohmarkt-Erfahrung in good old Germany).  Wenn es hier regnet, ueberschreibt man einfach die Flohmarktschilder mit „cancelled“ , schleudert alles zurueck in die Garage und macht das Tor wieder zu! Und die Steigerung von „Garage Sale“ ist „Monster Garage Sale“. Dann verkaufen sie neben den  Garagen auch noch die passenden Monster…

Henry soll wegen seiner Verstopfung mehr trinken, aber er weigert sich, den Fencheltee runterzuschlucken. Den Moehrensaft, der hier sehr schwer zu bekommen ist, mag er auch nicht  und das einzige Getraenk, das eine Chance hat, ist verduennter Orangensaft. Allerdings spuckt er den dann eine Viertelstunde spaeter wieder aus, genau wie die Babymilch. Am besten zieht man ihm gar nichts an, ansonsten kann man zehnmal am Tag die Kleidung wechseln. Dass noch niemand, selbstreinigende Babykleidung oder Einmal-Kleidung zum Wegwerfen erfunden hat, wundert mich. Henry ist nicht nur ein kleines Ferkelchen, er ist auch noch raffiniert. Obwohl ich beim Fuettern immer ein Tuch auf der Schulter habe, schafft er es taeglich, auch meine Kleider zu versauen. Jedesmal reisst er mit der kleinen Hand erst das Tuch von meiner Schulter und bevor ich es wieder zurueckerobern kann, spuckt er sein Essen auf mich und lacht. 

Heute war Bernds letzter freier Tag, bevor er morgenfrueh um 8.00 Uhr endlich seinen neuen Job in Albany anfaengt.

Deshalb sind wir nochmal alle zusammen nach Auckland in ein grosses Einkaufszentrum gefahren, um fuer Henrys Babybett eine kleine Matratze zu kaufen. Hoert sich einfacher an als es ist. Ich hatte die Auswahl zwischen zu lang oder zu breit. Habe mich dann fuer das zu lange Modell entschieden, Stoff aufgeschlitzt, mit dem guten Brotmesser 40 cm vom Schaumstoff abgeschnitten, Stoff wieder zugenaeht! Da fackel ich doch nicht lange rum!  Sitzt – passt und hat Luft, wie man so schoen sagt.  Da kann das Baby schlafen wie ein Engelchen.

Ansonsten habe ich mir noch ein Backblech und Rezeptbuch fuer Muffins gekauft, um mich  bald unauffaellig in die Reihen einheimischen Muffin-Baeckerinnen zu mischen. Lernen – Anpassen – Eingliedern ist die Devise.  Und in Muffins kann man alles einbacken, was man nicht mehr braucht, genau so einfallsreich wie der Belag von Sandwichs.

Sonntags scheint der beliebteste Einkaufstag der Neuseelaender zu sein. Die Shopping Centers sind total voll und die ganze Grossfamilie wird mitgeschleppt. Und in den Shopping Centres  haben sie tolle Wickel- und Fuettereinrichtungen fuer Muetter mit Kleinkindern. Dort gibt es  Wickeltische, Waschbecken, Mikrowellen, bequeme Sessel zum Fuettern und Stillen, Spielsachen  und einen Fernseher, um die abgeschlaffte und vom Einkauf gestresste Mutter 736-teiligen Familiendramen zu unterhalten. Solch einen Service habe ich in Deutschland noch nicht gesehen (ausser bei Ikea!). Mein lieber Mann hasst diese Einkaufzentrenn, nicht nur wegen der Bakterien, vor allem wegen den vielen Leuten. Irgendwann hatte  ich meinen Cafe-suechtigen Mann und unser liebstes Baby dann mal in einem Cafe geparkt und bin fuer ein paar Minuten alleine losgezogen (man goennt sich ja sonst nix…).  Aber es dauerte nicht lange (definitiv weniger als ein paar Minuten), da hoerte ich schon ein kleines Monster krakelen und wusste genau, das ist meins! Bernd war damit voellig ueberfodert, und noch bevor ich das Cafe erreichte, hing sein Nervenkostuem nur noch an einem klitzekleinen Zipfelchen (man kennt sich ja lange genug und ein Blick genuegt!). Er hatte keine Chance, den bitterboesen Blicken saemtlicher vorbei schleichender Muetter, Tanten und Omas zu entrinnen, die ihn am liebsten persoenlich in Fetzen gerissen haetten, voller Mitleid fuer das arme kleine, unschuldige Opfer-Buendel, das sich gegen solche (whatever) Grausamkeiten nicht wehren konnte. Kaum komme ich um die Ecke, da lacht der Schelm aus vollem Halse. Shopping finished!     

Gerade haben wir unsere Spagetti verschlungen und schon haengt mein Mann wieder im Hochofen. Hoffentlich kann er heute Nacht ueberhaupt schlafen vor lauter Aufregung vor seinem ersten Arbeitstag in NZ…  

Fortsetzung folgt…

(c) Beate Minderjahn