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8.) Waidmannsheil!

25 Aug

Unser neues Leben am Ende der Welt – Neuseeland  18. November 1999

Man glaubt es kaum, die Sonne scheint schon seit zwei Tagen!

Heute nachmittag hatte mein Super-Plumber sein erstes Bewerbungsgespraech in Auckland. Der Chef gab ihm gleich einen Arbeitsvertrag mit, bot  ihm ein Firmenfahrzeug  (was mir sehr gelegen kommt,  um meine Karriere als Geisterfahrer auszuarbeiten) und einen Satz Werkzeug an (bis unseres von den sieben Weltmeeren einlaeuft). Bernd  koennte schon Ende naechster Woche anfangen. Moechte mal gerne wissen was mein lieber Badezimmer-Experte dem Chef in broken English alles erzaehlt hat.  Entweder war er sehr ueberzeugend oder es herrscht absoluter Plumber-Mangel! Der Job besteht daraus, Rohre in Neubauten einzuziehen (mein Mann kann prima mit Rohrleitungen umgehen…) und $17 pro Stunde ist besser als nichts. Die Arbeit ist nur 24 km entfernt  und der liebe Mann sieht mal was anderes.  Beim Verlassen des Bueros hat mein Mann zur Verwunderung seines zukuenftigen Chefs noch verlauten lassen, dass er  auch umsonst gearbeitet haette, wenn noetig. Desperate house-man!  Und so macht man auch keine Freunde in der Gewerkschaft (falls es das hier gibt). Aber, wenn er dann endlich arbeitet,  haben  Henry und ich das Haus fuer uns oder wir koennen mal in Ruhe mit dem Auto auf Entdeckungsreise fahren.  Der einzige Haken ist, dass Bernd sich laut Arbeitsvertrag fuer mindestens zwei Jahre nicht selbstaendig machen darf.  Der Passus muss noch gestrichen werden (?!?) und dann kann es losgehen.  Er hat hoffentlich nicht von seinen Spionier-Absichten erzaehlt. Eine weitere Firma hat ihm heute ein Vorstellungsgespraech angeboten (muss doch Plumber-Mangel sein – vielleicht sollte ich auch umschulen). Nachher reissen sich noch  alle um meinen lieben, Deutschen Gas- und Wasserinstallateurmeister-Goettergatten.

Jetzt  wird es auch dringend noetig, dass Bernd eine sinnvolle Beschaeftigung findet, da er (neben Feuer machen) ein neues Hobby entwickelt hat: seine liebe Frau erschrecken. Zu allen Tages- und Nachtzeiten schleicht er durchs Haus und ploetzlich steht er hinter mir und spricht mich an. Du liebe Guete! Mein Puls geht auf 180, mein Blutadern machen Spruenge und ich muss eine Viertelstunde sitzen und tief durchatmen, um mein rasendes Herz zu beruhigen. Meistens bin ich von tiefen Gedanken umzingelt, kommuniziere mit meinem heissgeliebten Baby Henry, beobachte den Rasenmaehermann von der Terrasse aus (Research!) oder meine Sehfaehigkeit ist von einer Dunstwolke in der Kueche eingeschraenkt,  wenn ploetzlich und unerwartet die Stimme meines Mannes aus dem Hinterhalt zuschlaegt und ich vor Schreck einen 80cm-Satz entgegen jeglicher Erdanziehungskraft mache.  Wenn das nicht langfristig zu einem echten Herzinfarakt fuehrt, weiss ich es auch nicht.  Der Mann braucht dringend einen Job!  Er bezeichnet meine Schreckhaftigkeit als „schlechtes Gewissen“!?!

Auch meine teuflische Waschmaschine ist wieder sehr gemein zu mir. Ist mir schon fast peinlich, wieder dieses Thema anzuschneiden. Es artet langsam in einen persoenlichen Krieg aus. Die Waschmachine oder ich! Jetzt, wo ich ihr ausgekochtes Styropor-Geheimnis gelueftet habe, denkt sie sich neue Gemeinheiten aus.  Heute stand Weisswaesche auf dem Programm. Draussen strahlte die Sonne , der Waeschestaender stand in luesterner Erwartung auf der Terasse parat und ich wollte gerade die Treppe hinunter laufen und die turbogeschleuderte  Waesche aus der Maschine erloesen, als mir auf dem Weg schon die erste Flutwelle entgegen kam.  Nein, nicht der Rest der Sintflut hat sich ausgebreitet, sondern die biestige Waschmachine hat mir wieder ein Schnippchen geschlagen. Ihr Abwasserschlauch ist ueber einem eigens dafuer installierten Aluwaschbecken neben der Hoellenmaschine im gigantischen Wandschrank befestigt, damit das Wasser wunderbar im Abfluss davon gurgeln kann. Vorausgesetzt natuerlich, dass nicht zufaellig jemand den grossen blauen Schwamm zum Autoputzen nutzt (um Langeweile-Attacken sinnvoll zu ueberbruecken) und ihn dann achtlos im Waschbecken liegen laesst. Dieses gemeingefaehrliche Zivilisationsobjekt  aus China hat sich offenbar am Abluss festgesaugt  und verweigerte dem Waschwasser jeden Abgang. Habe sofort meinen privaten Hausplumber zur Hilfe gerufen, der gleichzeitig auch der Ausloeser der Katastrophe war (sorry Waschmaschine!), und mit dem neuen atomgetriebenen Duesenturbo-Nass-Trocken-Saeugetier aus dem Baumarkt haben wir alles wieder aufgesaugt. Die Investition hat sich schon gelohnt. Das nennt man Vorsehung!  Wenn alles trocken ist, spruehe ich was von dem Anti-Geruchs-Spray  auf den Teppich und alles ist wie neu. Ich hoffe nur, dass mein lieber Mann das ganze nicht inszeniert hat, damit er nochmal eine echte Aufgabe hat.  Mann ohne Arbeit – taugt nix!

Unsere Abende am Ende der Welt sehen so aus:  Sobald sich little Henry gegen 21.30 Uhr (Nachtmensch wie sein Papa) ausgetobt hat, schlaeft er auf dem Sofa ein. Ihn in sein Bettchen zu legen, waere Quaelerei, denn im Untergeschoss des Hauses ist es nachts viel zu kalt. Und wir sind bestimmt nicht verwoehnt (?!?) Nur, seit mein Mann jeden Abend seinen geliebten Hochofen anstocht, koennte der Klima-Unterschied zwischen Erdgeschoss und Untergeschoss nicht extremer sein. Und Klein-Henry hat das auch schon gemerkt.  Sobald man ihn auf Zehenspitzen schleichend nach unten tragen will, wacht er auf und schreit aus voller Kehle. Unten muss er mit Muetze, Schal, Ohrenschuetzern, Handschuhen und Moonboots im Bett liegen, hier oben reissen wir uns vor Hitze die Kleider vom Leib.  Der Kleine muss sich ja vorkommen wie ein Haechnchen aus dem Wienerwald.  Erst gebraten, dann eingefroren, morgens wieder aufgetaut und abends wieder gebraten…. 

Vielleicht ist Henry ein Kanibalen Baby. Es ist richtig unheimlich. Bei jeder Gelegenheit  schnappt er sich meinen Daumen, meine Hand oder Teile vom Arm und beisst mit Voller Kraft hinein. Wenn er merkt, dass er kein Stueck Fleisch abbeissen kann, wird er richtig aggressiv. Ist das normal? Er beisst und reisst an meinen Organen wie ein ausgehungerter Haifisch. Gott sei Dank hat er noch keine Zaehne! Wenn er erstmal laufen kann, faellt er wahrscheinlich alle Katzen und Hunde in der Gegend an und versucht, sich Stuecke rauszubeissen. Das kann ja heiter werden.  Bis dahin muss ich mehr Englisch lernen, um meine Nachbarin zu warnen. 

Wenn Bernd abends zwischen Nix-Versteh-TV Sendungen und dem Nachwerfen von Feuerholz die Gelegenheit nutzt, vor der Haustuere (und zur weiteren wortlosen Voelkerverstaendigung mit meiner Nachbarin hinter der Gardine) ein Zigarettchen zu rauchen,  nutzt meistens ein dicker, fetter Brummer den offenen Spalt an der Tuere, um sich in unserer Sauna ein wenig aufzuwaermen.  Dann tritt der wahre Ur-instinkt meines Mannes  ein (er: Jaeger – ich: Sammler) und der kleine Feuerteufel geht auf die Pirsch. Mit meinem frisch gewaschenen, gebuegelten (zu viel Zeit…) und abgezaehlten Geschirrtuch versucht er, die dicke Hummel zu erlegen. Bewaffnet bis zu den Zaehnen springt der Jaegersmann ueber Tisch und Stuhl, Sofa und Sessel, doch der fliegende Sumu-Ringer ist immer ein Ideechen schneller. Mal sitzt er auf Henrys Nasenspitze , mal auf der rosa-farbenen Gardienenstange, dann auf dem goldenen Wandteller von Vermieterin‘s Urgrossmutter. Bernd rast hinterher, zielt und donnert auf das fliegende Ungetuem, ich spurte hinterher, schnappe im freien Fall nach Omas Wandteller und haenge ihn wieder an den Nagel, bevor ich weiteren Krimas Krams vor der Zerstoerung retten muss. Das fliegende Monster scheint sich jedoch zu amusieren und bringt meinen Mann noch mehr in Rage bis der Flugsaurier letztendlich zerquetscht an meinem dampfgebuegelten Kuechentuch klebt. Endlich hat die liebe Seele Ruh, blaest zum grossen Hallali und goennt sich zur Belohnung ein Zigarettchen vor der Haustuere. Dann geht die ganze Treibjagd von vorne los … bis die gesamte Brummerfamilie ausgerottet oder mein Beschuetzungsinstinkt gesteuerter Super-Mann endlich morgens gegen 2.30 Uhr muede ist.

Waidmannsheil und gute Nacht vom Jaegerbattallionstrupp in Neuseeland.   

Fortsetzung folgt…

(c) Beate Minderjahn

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6.) Mehr Regen und Buerobedarf

17 Aug

Unser neues Leben am Ende der Welt – Neuseeland 13. November 1999

Meine Souvenir- und Weihnachtsdekorationsproduktion ist in vollem Gange. Kann diese creativen Phasen einfach nicht unterdruecken. Wenn ich nicht gerade putze, koche, spuele, mit diesem widerspenstigen Monster Waesche wasche, Henrys zahnloses Maul fuelle, seine teuflischen Windeln wechsele oder sonstige sinnlose, unterbezahlten Hausfrauenjobs ausfuehren muss, wird ausgeschnitten, geklebt, genaeht, gesaegt, gehaemmert, gemalt und lackiert. Habe mir in verschiedenen shops und dem Supermarkt alles zusammengesucht, was man in einem Bastelstuebchen so braucht, wie Klebepistole, Bilderrahmen, Scheren, Kleber, Hammer, Meissel, Dampfwalze, Baukran und Kettensaege. Das Pinselauswaschwasser habe ich bisher noch nicht getrunken (wie in frueheren enthusiastischen Mal-Attacken, wenn ich gegen Mitternacht und vor lauter Aufregungn den Pinsel im Rotwein gereinigt und dafuer das Pinselwasser getrunken habe). Mich kriegen auch diese Bakterien nicht kaputt!

Ansonsten ist der Alltag eher frustrierend. Es regnet und regnet und regnet noch immer in Stroemen und vielleicht sollte ich zur Abwechslung mal Seetangsuppe zubereiten. Ich koche jeden Tag, werde immer dicker, mein Mann wird immer duenner, Henry kapiert nicht, dass man Apfelmus runterschlucken kann, die Waschmaschine laesst sich jeden Tag was Neues einfallen, um mich zu aergern, der Lockenstab fuer $29.95 hat meine Haare angekokelt und e-mails kann ich immer noch nicht verschicken mangels Internetanschluss, Modem, passender Software und gutaussehendem Computerexperten. Desperate housewife!

Und gleich, wenn meine Maenner aufgestanden sind, die im Gegensatz zu mir eher zur Rasse der Morgenmuffel gehoeren, bekomme ich die erste Beschwerde. Irgendwie hat sich vermutlich die Kaffeemaschine mit der Waschmaschine verbruedert und nun haben sich beide gegen mich verschworen. Jedesmal, wenn ich Kaffee koche, klappt der Kaffeefilter nach innen um, verstopft die Duese, der Filter laeuft voll und anschliessend ueber den Rand der Kaffeemaschine. Die Sauerei bahnt sich dann den Weg ueber die Kuechenablage, hinunter am Kuechenschrank bis zum Fussboden und in die Ritze zwischen Ablage und Kuehlschrank, wo man das nie wieder rauskriegt. Ich glaube ich gehe ins Wasser…. (dann brauche ich nur die Terrassentuere zu oeffnen und werde weggeschwemmt).

Sankt Martin kennt man hier nicht, dafuer marschiert in Orewa bald die Santa-Parade. Alle stehen kostuemiert am Strassenrand und der Weihnachtsmann (Santa Claus) faehrt im grossen, geschmueckten, goldenen Schlitten vorbei und schmeisst mit Hilfe seiner Engelchen Kamellen. Erinnert mich irgendwie an Prinz Karneval und den Rosenmontagszug in Koeln. Tanzgruppen und Tambocorps kommen mir ebenfalls bekannt vor. Gluecklicherweise ist es ja in Neuseeland jetzt schon Sommer (falls die Sintflut jemals stoppt). Da koennten die Deutschen sich ein Beispiel nehmen und ihren Karneval in die waermere Jahreszeit verlegen (wie in Brasilien!). Dann waere man nicht von Aschermittwoch bis Karfreitag krank, weil man im luftigen Kostuem die Sau raus gelassen hat…

Hier faehrt im Weihnachtsumzug noch der Harley Davidsons Club (sehen eher aus wie die Hells Angels) mit, der Oldtimer Verein (inclusive Marylin Monroes pink Cadillac), der 80-jaehrige Elvis-Imitator, Maori Kriegstanz Gruppen, der Verband der Immobilienmakler, die anstatt Kamellen Visitenkarten verteilen und saemtliche Kindersportvereine aus der Gegend einschliesslich Judo, Wrestling, Rugby, Fussball, Surfclub, Cheerleading und Tae Kwon Do. Der Strickclub aus dem Altersheim, die Damen vom Marmeladeneinkoch-Komitee, der Zusammschluss der grauen Panther im Internet und die Stunt- und Skateboard-Ueberlebensgruppe aus dem Krankenhaus – hier kann jeder mitmachen!

Fuer meinen lieben Mann wird es Zeit, dass er einen Job findet, er hat sozusagen genug von Urlaubsstimmung (ist auch nicht der Typ dafuer) und ich vermisse meine 174 Kisten mit Krimskrams, die immer noch um Kap Horn segeln…

Henry erfindet jetzt seine eigene Sprache und erzaehlt mir immer wieder von „Nene“ und „Naengnaeng“. Bin mal davon ausgegangen, dass es sich um seine neuen imaginaeren Freunde handelt, und deshalb haben wir ein Lied daraus gemacht: „Der Nene und der Naengnaeng, das sind zwei eiserne Gesellen…“ Das singen wir jetzt immer beim Windelwechseln. Da lacht das haar- und zahnlose Babymonster.

 Damit ich Bernds Bewerbungsunterlagen (nach deutscher Methode) ordentlich abheften kann, wollte ich im Schreibwarenfachgeschaeft einen Locher kaufen. Leider wusste ich weder das englische Wort fuer Loch, noch fuer Abheften oder Ordner. Die Verkaeuferin war schon beim Teppichsaugen, als ich kurz vor Feierabend reinkam. Dann versuchte ich, ihr anhand eines Musterordners zu verdeutlichen, dass ich eine Maschine brauche, die Loecher in das Papier stanzt, um es dann in „this thing“ (Ordner) abzuheften. Das sind diese frustrierenden Momente, wenn man merkt wie wichtig doch die Sprache und zwischenmenschliche Kommunikation ist. Die Verkaeuferin hat mich angestarrt, als waere ich gerade aus dem Irrenhaus entlaufen, und dann tat sie so, als haette sie ueberhaupt keine Ahnung was ich von ihr wollte. Dass sie mich nicht mit ihrem gefraessigen Sauger aufgesaugt hat, war alles. „I want to put little..(?)… in the paper to put it in the ..(?)… (und zeigte auf den Ordner). Das kann doch nicht so schwer zu verstehen sein. Jedenfalls das Drama in drei Akten hatte letztlich ein Happy End. Ist ja auch ganz einfach, wenn man weiss, dass Locher „punch“ heisst.

Im Supermarkt habe ich ein Spray gegen Geruchsdaempfe in Kleidern, Moebeln und Teppichen gekauft. In unserem Schlafzimmer (im Keller der Arche Noah) roch es staendig nach Kaese und wir verdaechtigten uns gegenseitig aufs Schaerfste, der Urheber zu sein. Zuletzt und um meine Ehe zu retten, musste little Henry dran glauben. Aber nun hat die Chemische Keule gesiegt und ich kann die Gasschutzmaske aus dem 2. Weltkrieg wieder in der grossen Abstellkammer verschwinden lassen. Die extremen Daempfe ganzer Epochen hatten sich so im Teppich festgebissen, dass man zeitweise denken konnte, eine Leiche unterm Haus sei im fortgeschrittenen Verwesungs-Prozess. Das ist das Richtige fuer meinen Mann und seine Bazillen-Phobie!

Bernd hat sich in den eisernen Ofen verliebt und macht jetzt jeden Abend Feuer mit dem Holz vom Strand. Hauptsache schoen warm und der kleine Feuerteufel hat was zu spielen, auch wenn es 20Grad C (uber Null!) ist. Wird Zeit, dass er Arbeit findet.

Ich muss jetzt mal sehen, wo meine geruchs- und bazillenverseuchte Mannschaft geblieben ist. Die crew ist seit gestern abend unter Deck verschollen und ich schippere den Dampfer hier ganz alleine durch die rauhe See, „Eine Seefahrt, die ist lustig – eine Seefahrt, die ist schoen …“ – und der Kaffee ist fertig!

Fortsetzung folgt…

(c) Beate Minderjahn

4.) Arche Noah!

11 Aug

Unser neues Leben am Ende der Welt – 10. November 1999

Unser kleines Cottage-Haus kommt mir  vor wie ein alter Kahn, der durch die Sintflut schippert.  Die Arche Noah waere jetzt praktisch, allerdings muesste sie nicht nur von aussen sondern auch von innen wasserdicht sein. Draussen regnet es in Stroemen und es scheint, als ginge die Welt nun tatsaechlich unter. Man muesste den letzten Dinosauerier aus der Garage ins Boot retten, um  wenigstens eine  sinnvolle Tierart (neben Kakalacken,  Stechmuecken und der gemeinen Hausfliege) vor der Ausrottung  zu retten.  Das Wasser im Haus kommt allerdings von Henry, der zur Zeit so viel  sabbert, dass meine naechste Investition aus Taucherbrille und Schnorchel besteht. Ich hoffe sehr, dass er das vor seinem 18. Geburtstag aufgibt, sonst kriegt er nie eine Freundin. Welches Maedel moechte schon einen Freund, dem staendig das Wasser im Munde zusammenlaeuft und noch aus dem Mund raustropft und manchmal sogar noch Faeden zieht. Gefaehrlich wird es dann, wenn er dabei ploetzlich noch niessen muss und sich sein Sabber explosionsartig im ganzen Zimmer und meinem Gesicht  verteilt. Das ist ja gar nichts fuer meinen Bakterien-Phobie gequaelten Plumbing-Mann. Hier ist nichts vor Feuchtigkeit sicher und das Schreibpapier im Drucker hat sich schon gewellt.

Henry hat gerade sein letztes Flaeschchen fuer heute getrunken und nun jammert er schon wieder, weil er auf dem Sofa liegen soll. Er will lieber im Sitzen Fernseh schauen.  Der staendige Regen geht im vermutlich auch auf die Nerven und wir konnten heute weder Treibholz am Strand suchen, noch irgendwelche anderen Entdeckungsreisen vornehmen.  Seit ein paar Tagen versuche ich, Henry an feste Nahrung zu gewoehnen. Er sitzt dann aufrecht im Kinderwagen und ich schiebe ihm vorsichtig einen Plastikloeffel mit Baby-Apfelmus in den Mund. Im ersten Moment dachte er sicher an seine Bauchwehmedizin, die ich ihm schon mal auf diese Weise geben musste.  Er verzog das Gesicht zu einer unheimlichen Grimasse, dann standen ihm die Augen 10cm vor dem Kopf und schnurstracks schob er den teuren Kompott mit seiner sabbrigen Zunge wieder nach draussen.  Wird Zeit, dass er Zaehne kriegt, die den Rueckweg blockieren. Anschliessend lachte er sich kaputt und ich versuchte den Apfel-Kram rechtzeitig mit dem Loeffel  von seinem Kinn abzukratzen, bevor es auf dem monstergewaschenen und turbogeschleuderten Hemdchen landet, von denen wir mindestens 6-8 am Tag brauchen. Waehrend Henry erfolgreich gegen mich arbeitet und  wir offensichtlich  voellig verschiedene Ziele vor dem geistigen Auge haben ,  verteilen wir mit vereinten Kraeften den Obstbrei In Henrys Gesicht inklusive aller Nasenloecher.  Henry findet das total lustig und ab und zu saugt er den Apfelmuss tief in die Lunge ein.  Papa und Mama finden das nicht so lustig und versuchen ihm durch schmatzende Geraeusche und improvisierte Handbewegungen beizubringen, wo der Brei  hin soll. Da er lacht und quiekt wie ein kleines Ferkelchen  denkt er sicher, das ist eine neue Show, um ihn zu unterhalten.  Ein Kind braucht schliesslich geistigen in-put und Abwechslung!

Mein lieber Plumber-Gatte Bernd hat den ganzen   Nachmittag damit verbracht, Bewerbungen und Lebenslaeufe zu schreiben,  was natuerlich nicht so einfach ist in einer Sprache, die man weder beherrscht noch versteht. So hat er seine Qualifikationen  fein saeuberlich , phantasievoll, aber bestimmt ins Englische uebersetzt, waehrend ich aus meiner Nusskollektion aus dem Supermarkt kleine Weihnachtsengelchen gebastelt habe.   Wenigstens hat Henry sich sehr fuer die Nuesse interessiert und sich mit mir gefreut, wenn wieder ein kleines Engelchen geboren war und am Wandhaken zum Trocknen aufgehaengt wurde.

Bernd schrieb und schrieb und hatte durueber um ein Haar vergessen, dass er Kaffee- und Zigarettensuechtig ist. Ich vermutete schon, dass er an seinen Memoiren arbeitet, anstatt eine Bewerbung zu schreiben.  Bis zum Abendessen hat er mit stolz geschwellter Brust zwei Seiten ausgedruckt, die ich dann begutachten sollte. Nach dem Abendessen haben Henry und ich uns also drangesetzt, und pingelig wie wir eben sind, jeden Satz markiert und verbessert.  Daraufhin fuehlte sich mein Master-Plumber in seiner Ehre gekraenkt und das Ganze ist dann in eine groessere Diskussion ausgeartet, an der sich Sabber-Henry mit Begeisterung beteiligt hat.  Wiederum fand Henry das alles sehr lustig und seine Eltern nicht! Nach einer Weile entschied  sich Henry, doch lieber Fernseh zu schauen und sich seine Eltern alleine streiten zu lassen.  Eine halbe Stunde und zwei rauschende Koepfe spaeter, qualmte der Computer und das zerfledderte Woerterbuch sah aus, als waere es 100 Jahre alt.  Endlich hatten wir zwei Seiten ausgedruckt, aus denen man hoffentlich erahnen kann, dass mein Mann eine Stelle als Plumber sucht. Ich haette nicht gedacht, dass es so schwierig ist. Jedesmal wenn wir eine tolle Formulierung in Deutsch gefunden haben, fehlte uns ein wichtiges englisches Wort, das man allerdings mit einem anderen Wort umschreiben koennte, welches wiederum –falls man es im Duden findet-, siebenunddreissig verschiedene Bedeutungen  hat.  Und so verging Stunde um Stunde und die Rente (schoen waers!) rueckte immer naeher, der Bart wurde immer laenger und der Regen draussen ueberflutete die gesamte Insel ….

Na ja, nur der Erfolg zaehlt und in 124 Jahre lachen wir drueber (ohne Haare und ohne Zaehne – wie Henry).

Im Fernsehen wird gerade eine Dokumentation ueber einen Schiffsuntergang (wie passend!) gezeigt. In diesem  Moment werden die Passagiere in die Rettungsboote gezerrt. Och, gerade ist ein Arm abgefallen, …. wird wieder ueber bord geschmissen,…. Arme ohne was dran koennen sie nicht brauchen…   Bei mir schwimmen gerade die Fische an der Terrassentuer vorbei. Da lacht ein Hammerhai, ein Stueck weiter saegt ein Saegefisch (den kann ich gut fuer meine Bastelarbeiten brauchen). Ich glaube, ich geh schon mal tief im unendelichen Wandschrank nach den aufblasbaren Schwimmfluegelchen suchen. … Laueft eigentlich bei diesem Hochwasser noch die Klospuelung im Untergeschoss ab oder muss ich da mit Gegenverkehr von Octopus-Saugnaepfen rechnen? Wird ja wohl nicht wahr sein……

Fortsetzung folgt…

Beate Minderjahn

3.) Waschmaschinen!

11 Aug

Unser neues Leben am Ende der Welt – 8. November 1999

Am Wochenende haben wir ein Deutsches Ehepaar kennengelernt, das schon seit 15 Jahren in Neuseeland lebt und urspruenglich aus Berlin kommt.  Karl ist, wie mein lieber Mann Bernd, ebenfalls Plumber und Marianne, seine Frau  hat einen kleinen Geschenkartikelshop im Nachbarort.  Ein Plumber ist in Deutschland ein Installateur (Maennchen) oder Installateuse (Weibchen)  und dabei  handelt es sich um eine besondere Spezies, die sich in heimischen Gefilden ausbreitet und vermehrt.   Jedenfalls, haben sich die beiden Plumber auf Anhieb gut verstanden und Karl hat uns viele Tips und Einblicke in Neuseelaendische Sitten und Gebraeuche gegeben,  von denen er  selbst nach 15 Jahren manche nicht verstehen kann. Und mein lieber Mann hat nach 3 Wochen auch schon genug vom Pionier- und Abenteuerleben, von Haushalt, Kleinkind und Feuerholz suchen,  und er kann es nicht erwarten sich irgendwo zu bewerben und einen Job zu finden. Dann kann er sich nach kurzer Eingewoehnungs- und Spionierzeit selbstaendig machen.  Schliesslich ist er ja Master-Plumber und auf Badezimmerdesign spezialisiert.  

Jeden Morgen  wenn ich mit dem Kinderwagen zum Beach gehe, dauert es ungefaehr 20 Minuten, bis ich die Hauptstrasse ueberqueren kann.  Wenn diese sehr stark befahrene Strasse (die einzige, die nach Norden fuehrt) mich nicht vom Meer trennen wuerde, waere der Gang vom Haus bis zum Beach etwa 2 Minuten lang, so dauert es ca. 22 Minuten.  Hatte mir ueberlegt, ob ich mir einen Dinosaurier anschaffe. Der koennte hier auf meiner Strassenseite seinen langen Hals ausstrecken und ich koennte Henry im Kinderwagen auf die andere Strassenseite rutschen lassen, ohne ueberfahren zu werden. Abends koennte der Dino zusammen mit Bernds hochpoliertem Station Wagon (Nissan Kombi) in der Garage schlafen (wir muessten vielleicht ein paar Meter anbauen und das Dach erhoehen (wiederum zur allgemeinen Belustigung meiner Nachbarin hinter der Gardine). Im Garten haette der Dino genug Auslauf und wenn er Wasser lassen muss, wuerde die gesamte Gruen- und Gartenanlage von Orewa bewaessert. Der Ueberfluss wuerde ins Meer fliessen und in Indonesien wuerde die Kueste ueberschwemmt. Vielleicht fressen Dinosauerier ja auch Seetang.  Davon liegt naemlich nach der letzten stuermischen Nacht so viel am Beach, dass man damit locker einen Dinosaurier fuer 2 Wochen ernaehren kann.  Ich liebe den Geruch von Seetang, das erinnert mich and den Duft von Fischermaennern und das Buch „Salz auf unserer Haut“.

Gestern abend habe ich Henry aufs Bett gelegt und  seine Hose ausgezogen, um ihm die Windel zu erneuern. Irgendwie mochte er das,  und als ich mit der Linken seine Beine hochhielt und mit der Rechten die gelbe klebrige Kacke vom Popo wischte (natuerlich mit einem Lappen!), da lachte und quietschte er vergnuegt. Und erst als er so laut schmatzte stellte ich fest, dass er durch die Heb- und Teilaktion seiner Beinchen, sich selbst genau in den Mund gepinkelt und sozusagen Zielwasser getrunken hat. Er hat sich dann aber gewundert, wo die leckere Erfrischung herkommt. Na ja, soll ja sowieso heilende Wirkung haben und manche trinken es zum Fruehstueck, Henry eben erst zum Abendessen.  Mahlzeit!

Der Mond geht hier falsch herum auf, die alte Schulregel mit a und z kann man hier also nur umgekehrt anwenden. Auch das Wasser  laeuft in der Badewanne anders herum ab.  Hier ist ja vieles anderes, muss an der Erdanziehungskraft liegen…

Waschmaschine Teil II:

Laut Euro-Plumbers wife Marianne kommen die weissen Fusseln auf meiner dunklen Waesche aus dem Fusselsieb, das man von Zeit zu Zeit rausnehmen und saeubern muss. Also bin ich sofort vor meiner naechsten Waschaktion um die Maschine gekrochen und habe das Fusselsieb gesucht.  Nicht gefunden. Morgen werde ich die Maschine aus ihrer Verankerung  reissen, aus dem begehbaren Wandschrank heben und von allen Seiten untersuchen. Irgendwo muss das Ding doch sein. Ich glaube, die Neuseelaender haben eine spezielle Vorliebe fuer begehbare Einbauschraenke, in denen man alles verstecken kann, wie Waschmaschinen, Trockner,  Autoersatzteile, Schuhe, Kleider, Koffer, Kinderwagen, gerauecherte Salami und einen aufblasbaren Swimmingpool.

Waschmaschine Teil III:

Noch interessanter ist, dass ein grosser Styroporklumpen, der im Wandschrank liegt, das Geheimnis zur Loesung meines Waschproblems Nr. 3  ist. Beim Schleudern sprang immer oben der Deckel auf und die Maschine stellte sich dann automatisch ab. Die Logik konnte ich mir von Anfang an nicht erklaeren, aber man ist als Auswanderer ja offen fuer neue technische Errungenschaften, auch wenn man sie nicht versteht.  Dank Euro-Plumbers wife Mariannne (wir Pionierfrauen muessen zusammen halten in diesen rauhen Zeiten) weiss ich jetzt,   dass dieser speziell geformte Styroporklotz vor dem  Start auf den pin des Rohres, das den Weichspueler behinhaltet, gesteckt wird, dann wird der Waschmashinendeckel geschlossen und mit dieser ausgefeilten Technik  verhindert man praktisch, dass die Waesche sich selbst nach oben schleudert und wie von Geisterhand den Deckel oeffnet, woraufhin sich dann die Maschine aus Sicherheitsgruenden selbst abstellt.  Wenn man das System noch etwas weiter durchdacht haette, koennte sich die Waesche selbst rausschleudern, sich im benachtbarten Trockner plazieren, dessen Stromzufuhr sich dann von selbst anstellt und wenn alles trocken ist, schleudert sich die Waesche selbst in den Waeschekorb, der ferngesteuert die Waesche zum Buegelbrett faehrt.  Aber wie ich schon seit langem  festgestellt habe, sind nicht alle Haushaltsgeraete so im Detail durchdacht, dass sie wirklich eine Arbeitserleichterung fuer die  gemeine Hausfrau darstellen. Im Gegenteil. Je mehr Maschinen man besitzt, um wo mehr muss man arbeiten und organisieren, damit sie ihren urspruenglichen Zweck erfuellen.  Aber was verstehe ich als sensor-gesteuerte Waschmaschinen verwoehnte Karrierefrau aus einem gut organsierten Europaeischen Industriestaat schon von traditioneller auslaendischer Wasch-Technologie? Ich dachte, der Styroporklotz waere noch ein Stueck von der Originalverpackung (von vor 25 Jahren), welches  die sorgsame neuseelaendische Hausfrau und Hauseigentuemerin  verwahrt hat.

Fortsetzung folgt…

Beate Minderjahn